Wald- und Naturtherapie können Psyche und Körper helfen

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Integrative Medizin: Aufenthalt im Grünen als heilsame Low-Cost-Behandlung

Durch den Wald gehen, im Park spazieren oder bei der Gartenarbeit in der Erde wühlen: Der Kontakt mit der Natur kann heilsam auf psychische Erkrankungen wirken, wie die Auswertung mehrerer Studien zu diesem Thema nahelegt. Warum sich dieser therapeutische Ansatz für alle Stadien medizinischer Prävention anbietet und auch bei körperlichen Erkrankungen hilfreich sein kann, erläutert Prof. Dr. med. Christian Keßler. Er hat das Forschungsprojekt geleitet und ist Ende 2025 von der Charité in Berlin an die Universität Augsburg gewechselt. Hier hat er die Stiftungsprofessur für Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention übernommen und erforscht unter anderem, wie mehr Zeit in der Natur Mensch und Umwelt zugutekommen kann.

Prof. Dr. Keßler, die Natur kann eine erfolgreiche Co-Therapeutin bei psychischen Erkrankungen sein, wie Studien zeigen. Was kann sie leisten?

Wie man sieht, können Naturaufenthalte die Symptome von Depressionen und Angsterkrankungen lindern und möglicherweise sogar die von Psychosen.1 Das gilt für verschiedene Formen der sogenannten Green Space Interventions, bei denen man geführt in die Natur geht, beziehungsweise sich strukturiert dort aufhält: bei der Waldtherapie, aber auch beim Aufenthalt in Grünflächen wie Parks sowie bei der Gartentherapie und auch der gärtnerischen Beschäftigung mit Pflanzen (Hortikultur). Letztlich geht es um die Nutzung von Natur in therapeutischen Kontexten. Das ist schon recht eindrucksvoll.

Inwiefern eindrucksvoll?

Es handelt sich um eine Win-Win-Win-Situation: Interventionen mit der Natur als Co-Therapeut beinhalten einen potenziell großen gesundheitlichen Nutzen mit sehr geringem Nebenwirkungsprofil und sind kostengünstig. Zudem tragen sie zum Schutz und Erhalt der Umwelt bei, etwa durch ein verbessertes Bewusstsein für den Wert natürlicher Räume. Unsere Übersichtsarbeit ist ein weiterer Beleg dafür, dass wir dieses Themenfeld in den nächsten Jahren und Jahrzehnten viel intensiver studieren sollten. Es birgt unglaublich viel Potenzial, nicht nur für den förderlichen Einsatz von Interventionen mit der Natur in Therapie und Prävention, sondern auch hinsichtlich der Diskussionen zu Nachhaltigkeit, Ökologie, Umweltschutz, Klimafolgeforschung und Planetary Health.

Psychische Erkrankungen nehmen generell zu, die WHO spricht inzwischen von mehr als einer Milliarde Betroffener weltweit.2 Wird es da nicht umso wichtiger, Menschen etwas an die Hand zu geben, was sie selbst leicht umsetzen können und sie dadurch selbstwirksamer macht?

Unbedingt. Es geht keinesfalls darum, den Psychiater, Therapeuten oder ein Medikament wie ein Antidepressivum zu ersetzen durch Wald- und Naturtherapie. Aber diese ist durchaus als komplementärer Baustein einer multimodalen Strategie in Betracht zu ziehen. Zumal in den letzten Jahren immer wieder kontrovers diskutiert wird, wie groß tatsächlich der Nutzen vieler Psychopharmaka etwa bei leichteren Formen von Depressionen ist im Verhältnis zu deren Nebenwirkungen und den damit therapieassoziierten Kosten. Beispielsweise haben Studien gezeigt, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei leichtgradiger Depression ähnlich wirkungsvoll sein können wie eine konventionelle medikamentöse Therapie. Und in genau dieses Feld gehört auch die Wald- und Naturtherapie. Verrenkt man sich nicht den Knöchel, weil man im Wald über eine Wurzel stolpert, kann man letztlich recht wenig falsch machen bei einem Besuch in kultivierter Natur wie Stadtwäldern und Parks und muss nicht einmal sehr viel dafür aufwenden. Es ist einfach vor allem wichtig, regelmäßig raus ins Grüne zu gehen.

Gerade die niedrigen Kosten müssten Wald- und Naturtherapie doch besonders interessant machen.

Absolut. Vor allem in der aktuellen Situation, in der es darum geht, Kosten im Gesundheitswesen zu reduzieren, teure Leistungen auf den Prüfstand zu stellen und Sparmaßnahmen umzusetzen, ist das Ganze besonders attraktiv. Wir sprechen von Low-Cost oder sogar No-Cost-Interventionen: Sie kosten wenig bis nichts – und können doch substanziell viel bewirken. Daran ist auch die Weltgesundheitsorganisation WHO besonders interessiert. Egal, ob es um Gesellschaften geht, die wenig Geld für Gesundheitssysteme zur Verfügung haben, oder um die Kostenexplosion in nationalen Gesundheitssystemen überall auf dem Globus. Wir brauchen zwar noch deutlich mehr Daten zu Wirksamkeit und Wirkmechanismen, darunter auch zu psychiatrischen Diagnosen, aber vom Grundsatz her ist die vorliegende Datenlage sehr ermutigend.

Sie erwähnten Planetary Health. Was ist damit gemeint?

Der Mensch kann nur auf einem Planeten mit einer intakten Natur selbst gesund sein und werden. Wenn es uns langfristig gelänge, solche therapeutischen Elemente evidenzbasiert in die Regelversorgung zu übernehmen, könnte das auf eine wundersame Art und Weise auch dafür sorgen, dass die Menschen, wenn sie Wald und Natur nutzen, achtsamer mit ihr umgehen und den Wert solcher natürlichen Räume besser wertschätzen. Das trüge wiederum zum Schutz des Planeten, der Umwelt und etwa auch seiner Artenvielfalt bei.

Der Mensch selbst ist ja ein Produkt der Natur …

Eben! Aber wir tun seit Jahrhunderten so, als wären wir es nicht. Wir trennen künstlich zwischen uns und der Natur, und das ist eines unserer Grundprobleme. Deswegen ist es unsere Aufgabe, nicht nur uns, sondern auch das gesamte planetare Ökosystem zu schützen. Wir werden als Spezies langfristig nur überleben, wenn wir uns mit ausreichend Respekt, Wertschätzung und Bewusstsein dem Rest der Natur gegenüber verhalten, davon bin ich felsenfest überzeugt. Die Verbundenheit und der Kontakt mit der Natur sind für uns Menschen essenziell.

Ins Grüne gehen, in der Erde wühlen, das tut gut, entspannt und erdet. Eigentlich sagt uns das der gesunde Menschenverstand. Trotzdem bedarf es Studien, die den therapeutischen Wert belegen?

Es ist problematisch, dass wir viel Geld ausgeben und Studien machen müssen, um zu zeigen, dass es gesundheitlich sinnvoll ist, sich in der Natur aufzuhalten. Das zeigt vor allem eines: den Entfremdungsgrad zwischen uns und der Natur. Für den Mangel an Naturerfahrungen gibt es inzwischen sogar einen neuen Begriff: das Nature Deficit Syndrome. Die Forschung weiß, dass unter anderem zu wenig Bewegung und mehr Bildschirmzeit zu mehr Stress und Einsamkeit führen können, was wiederum körperliche und seelische Erkrankungen begünstigen kann.

Sie sind auch Experte für Ayurveda. Im Ayurveda gehören Körper, Seele, Geist untrennbar zusammen. Viele körperliche Erkrankungen gehen mit komorbiden psychischen Erkrankungen einher: etwa Depressionen bei einer Krebserkrankung. Könnte Wald- und Naturtherapie auch vor diesem Hintergrund für die Medizin generell relevant sein?

Natürlich. Ayurveda kommt aus dem indischen Kulturkreis, wo die Verbindung zwischen Mikro- und Makrokosmos, also zwischen Mensch und Natur, eine wesentliche Grundannahme ist. Wir als Menschen sind aus Sicht des Ayurveda Teil des Ganzen: Wie im Kleinen, so im Großen – und umgekehrt. Das gilt im Prinzip für die gesamte asiatische Philosophie. Wir müssen aber gar nicht bis nach Asien blicken. Inzwischen gibt es zahlreiche medizinische Studien, die zeigen, dass Green und Blue Space Interventions, also solche in der Natur und am Meer beziehungsweise am Wasser, sogar auch bei Diagnosen hilfreich sein können, die zunächst nichts mit der Psyche zu tun haben: Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa, Bluthochdruck, Allergien sowie Erkrankungen des Immunsystems und möglicherweise noch viel mehr.

Wie lassen sich die positiven Effekte erklären?

Es handelt sich um eine multimodale Intervention: Die Menschen sind im Wald oder Park unterwegs, sie bewegen sich, atmen die saubere Luft (und etwa Terpenverbindungen von Nadelhölzern) und nehmen Sonnenlicht auf, was der Vitamin-D-Versorgung hilft. Alle Sinne sind beteiligt über das Wahrnehmen von Gerüchen, Farben, das Hören etwa von Vogelstimmen und Blätterrauschen sowie dem Schmecken, wenn man eine Waldbeere isst. Das kann zu Entspannung und Stressreduktion führen, zu positiven Emotionen, vielleicht auch zu spirituellen Erlebnissen. So entstehen potenzielle Effekte bei ganz verschiedenen Beschwerden, die nicht unbedingt nur psychischer Natur sein müssen, sondern die auch sehr körperlich sein können und zumeist beides auf einmal sind. Es wird eine Aufgabe für die Zukunft sein, noch genauer zu erforschen, was wie und worauf genau wirkt.

Sie sind seit einiger Zeit Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention an der Universität Augsburg. Inwiefern wären die Ergebnisse der Übersichtsarbeit auch unter dem Aspekt der Prävention interessant?

Für alle Ebenen der Prävention und Gesundheitsförderung: Ein Aufenthalt in der Natur kann vorbeugend wirken, als Tertiärprävention aber auch die Lebensqualität verbessern oder sogar dazu beitragen, Multimedikation zu reduzieren – durch die Etablierung proaktiven Gesundheitsverhaltens in der Natur. Die Universität Augsburg hat einen starken Fokus auf Umwelt, Klima, Ökologie, Resilienz und Nachhaltigkeit mit Bezug auf Gesundheit, da passt Wald- und Naturtherapie wunderbar dazu. Mit meiner Professur möchte ich dazu beitragen, diese Zusammenhänge weiter zu erforschen und in der medizinischen Versorgung nutzbar zu machen.

„Wie man in neueren Studien sieht, können Naturaufenthalte die Symptome von Depressionen und Angsterkrankungen lindern.“

Prof. Dr. med. Christian Keßler, Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention, Universität Augsburg

VITA Prof. Dr. med. Christian Keßler

Prof. Dr. med. Christian Keßler ist Facharzt für Innere Medizin mit den Zusatzbezeichnungen Naturheilverfahren und Psychotherapie. An der Medizinischen Hochschule Hannover studierte er Humanmedizin und wurde dort 2006 promoviert. Mit einem Magister Artium hat er ein zusätzliches Studium der Indologie abgeschlossen, in Ayurvedic Medicine verfügt er über einen Master of Science (M.Sc.). Der Internist habilitierte an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Dort war er von 2016 bis 2025 als Oberarzt für Forschungsleitung, Co-Ambulanzleitung und Projektmanagement an der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin-Wannsee aktiv. Zum 1. November 2025 ist er dem Ruf der Universität Augsburg gefolgt, die Stiftungsprofessur für Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention am Institut für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit der Medizinischen Fakultät anzutreten.

Foto: Privat

Quellen:
1 https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2026.102919
2 https://www.who.int/news/item/02-09-2025-over-a-billion-people-living-with-mental-health-conditions-services-require-urgent-scale-up?utm_source=chatgpt.com

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