Prof. Dr. Roman Huber leitet seit 1998 das Uni-Zentrum Naturheilkunde der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Freiburg. Dort ist er für Patientenversorgung, Forschung und Lehre in der Naturheilkunde zuständig. Der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie hat Zusatzausbildungen in Naturheilverfahren, Akupunktur, Anthroposophischer Medizin und Physikalischer Medizin.
Foto: Universitätsklinikum Freiburg
Überwärmungsbäder könnten Lücke bei Depressionsbehandlung schließen
Integrative Medizin: Konfirmative Studie des Universitätsklinikums Freiburg gestartet
Zwei Studien wurden schon erfolgreich abgeschlossen, nun soll eine dritte Studie klären, ob Hyperthermie eine therapeutische Lücke zu schließen vermag: Künstlich erzeugtes Fieber könnte demnach eine Behandlungsoption bei Depression sein. Studienleiter Prof. Dr. Roman Huber, Leiter des Uni-Zentrums Naturheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg, über diesen sanften und leicht umsetzbaren komplementärmedizinischen Ansatz.
Depressionen sind eine Volkskrankheit. Allein in Deutschland leiden fast 9,5 Millionen Menschen daran, die Zahlen waren noch nie so hoch.1 Wie bewerten Sie die Entwicklung?
Wir verfügen über effektive Therapien, Psychotherapie und auch Medikamente wie Antidepressiva oder durch Studien belegte Phytopharmaka. Dennoch hat die Häufigkeit und Schwere der Depressionen noch weiter zugenommen. Wir merken, dass wir dieses Thema mit den bisherigen Ansätzen nicht vollumfänglich in den Griff bekommen. Der Krankenstand ist sehr hoch, und Depressionen sind inzwischen der Hauptgrund für Frühverrentungen. Zudem gibt es eine therapeutische Lücke: Sowohl Psychotherapie als auch Medikamente wirken nicht sofort, sondern im Schnitt erst nach vier bis acht Wochen. Zudem müssen Patienten oft lange auf einen Therapieplatz warten. Auch vor diesem Hintergrund haben wir Bedarf an Interventionen, die rasch und in der Breite wirksam sind.
Sie haben erforscht, ob Hyperthermie bei Depressionen ein weiterer Lösungsansatz sein könnte. Bisher wird diese komplementärmedizinische Methode als ,passive Fiebertherapie‘ vor allem ergänzend bei Krebserkrankungen und zur Behandlung von Post und Long Covid eingesetzt. Was haben Ihre beiden bisherigen Studien gezeigt?
Sowohl 2017 in einer ersten Pilotstudie wie auch in einer Folgestudie im Jahr 2020 konnten wir beobachten, dass schon nach zwei Wochen mit zwei Überwärmungsbädern pro Woche eine deutliche Besserung der depressiven Symptomatik einsetzt – und das jeweils im Vergleich zu einer aktiven Kontrollgruppe, eine davon mit Bewegungstherapie.2 Daraus schließen wir, dass dieser integrativmedizinische Ansatz schnell wirken könnte. Ein Vorteil könnte sein, dass es ein niederschwelliges Angebot ist, das sich ohne großen Aufwand oder hohe Kosten auch zu Hause in der Wanne umsetzen lässt sowie in Thermalbädern in der Nähe des Wohnortes.
Wie ordnen Sie Hyperthermie als Therapieform ein?
Der Oberbegriff ist ,physikalische Therapie‘, dazu gehört die Hydrotherapie, also alles, was mit Wasser gemacht wird. Da Bäder verordnet werden, spricht man von ,Balneotherapie‘. In diesem Fall setzen wir warmes Wasser ein, damit handelt es sich zugleich um Thermo- oder Wärmetherapie. Bei der Hyperthermie wird eine Art künstliches Fieber erzeugt. Das ginge auch mit Infrarotkabinen, wir haben uns aus den genannten Gründen für die Hyperthermie-Bäder entschieden. Die Studienteilnehmer liegen für 20 Minuten in 40 Grad warmem Badewasser, nur der Kopf bleibt außerhalb. Zunächst empfinden das die meisten als angenehm, aber nach ein paar Minuten beginnt es, anstrengender zu werden, denn die Körpertemperatur steigt an, meist auf mehr als 39 Grad. Dieses künstliche Fieber bewahren wir noch ein bisschen, indem die Teilnehmer nachruhen, zugedeckt mit warmen Decken.
Und wieso soll eine solche Überwärmung bei Depressionen helfen?
Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe. Erstens: Wir akzentuieren und vertiefen damit den sogenannten zirkadianen Rhythmus. Das ist, kurz gesagt, ein Rhythmus im Körper, der Schlafen und Wachen koordiniert. Menschen mit Depressionen schlafen nachts oft schlecht, tagsüber aber haben sie nicht genug Energie, um aktiv zu werden. Damit verbunden ist eine gestörte Temperaturregulation: Bei gesunden Menschen ist die Körpertemperatur am Tag höher als in der Nacht. Das ist zwar auch bei Menschen so, die an Depressionen leiden, aber die Kurve ist weniger stark ausgeprägt, sie ist abgeflacht. Durch die Überwärmung regen wir sie an, sodass sie erst einmal wieder stärker ausfällt und sich dann in den nächsten Tagen auf ein normaleres Maß einschwingt. Damit harmonisieren und vertiefen wir den natürlichen zirkadianen Rhythmus.
Und der zweite Grund?
Das ist ganz spannend: In der menschlichen Haut gibt es Sinnesorgane, die temperaturabhängige Berührungsreize wahrnehmen und diesen Impuls über das Rückenmark an das Gehirn weiterleiten. Dort wird Serotonin freigesetzt, ein Botenstoff, der mit positiven Gefühlen und positiver Stimmung in Verbindung gebracht wird. Landläufig wird er auch ,Glückshormon‘ genannt. Menschen mit Depressionen haben davon zu wenig, und Antidepressiva etwa sollen dafür sorgen, dass wieder mehr Serotonin zur Verfügung steht. Es gibt also eine Rückkopplungsschleife zwischen der Haut und dem Gehirn. Da spielt sicherlich auch mit hinein, dass wir schon allein Wärme in der Regel als wohltuend empfinden.
Was ist der dritte Grund?
Bewegung und Sport helfen nachweislich gegen Depressionen, da steigt die Körpertemperatur, und der Stoffwechsel wird aktiviert. Überwärmungsbäder könnten ähnlich wirken wie Bewegung. Und sie haben einen Vorteil demgegenüber: Wer an einer mittelgradigen oder schweren Depression leidet, kann sich meist nur schwer aufraffen, rauszugehen und sich zu bewegen. Die Hemmschwelle, sich ein Bad einzulassen, ist deutlich niedriger. Zugleich haben wir möglicherweise eine ähnliche Wirkung wie durch Bewegung.
Dann könnten Überwärmungsbäder auch die Brücke sein hin zu wieder mehr Bewegung?
Genau. Insbesondere, wenn der Antrieb gesteigert wird, sodass die Menschen wieder mehr in die Aktivität kommen. Wir könnten zudem die Zeit überbrücken, bis Medikamente wirken, bis eine Psychotherapie die Symptome verbessert und bis überhaupt eine Psychotherapie begonnen werden kann. Denn klar ist: Wir wollen die etablierten Therapien nicht ersetzen, sondern mit diesem Zusatzangebot sinnvoll ergänzen.
Am Uni-Zentrum Naturheilkunde in Freiburg haben Sie nun eine dritte Studie mit mehr Teilnehmern gestartet, um die Wirksamkeit endgültig belegen zu können.
Es handelt sich um eine konfirmatorische Studie mit 348 Teilnehmern. Die Rekrutierung hat bereits begonnen. Wir suchen Menschen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren, die seit mindestens zwei Wochen an mittelgradigen oder schweren Depressionen leiden, aber nicht suizidal sind. Die Studie dauert für jeden Teilnehmer vier Monate und wird in Freiburg, Frankfurt und Lörrach durchgeführt. Interessenten können sich gerne melden.3 Ist auch diese Studie erfolgreich, erhoffen wir uns, langfristig in die Erstattungsleistungen der Krankenkassen aufgenommen zu werden. Und vielleicht auch in die Medizinischen Leitlinien zur Behandlung von Depressionen.
Wie sieht das Studienvorhaben genau aus?
Die Teilnehmer werden per Zufallsverfahren drei Gruppen zugelost: Der Gruppe, die Überwärmungsbäder bekommt; der Gruppe, die thermoneutrale Bäder erhält mit maximal 36 Grad – der Vergleich ermöglicht es uns zu zeigen, dass es tatsächlich die höhere Temperatur ist, die die genannten Effekte hat. Und eine dritte Gruppe bekommt keine Bäder. Alle Teilnehmer setzen währenddessen ihre bisherige Therapie mit Medikamenten und/oder Psychotherapie fort.
„Bei mittel- bis schwergradigen Depressionen haben wir Bedarf an integrativmedizinischen Interventionen, die rasch und in der Breite wirksam sind. Überwärmungsbäder könnten eine Brücke sein.“
Prof. Dr. Roman Huber, Gastroenterologe und Leiter des Uni-Zentrums Naturheilkunde der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Freiburg
VITA Prof. Dr. Roman Huber
Quellen:
1 https://www.aok.de/pp/gg/update/wido-erweitert-gesundheitsatlas/
2 Naumann J, Grebe J, Kaifel S, Weinert T, Sadaghiani C, Huber R. Effects of hyperthermic baths on depression, sleep and heart rate variability in patients with depressive disorder: a randomized clinical pilot trial. BMC Complement Altern Med. 2017 Mar 28;17(1):172. doi: 10.1186/s12906-017-1676-5. PMID: 28351399; PMCID: PMC5371197 / Naumann J, Kruza I, Denkel L, Kienle G, Huber R. Effects and feasibility of hyperthermic baths in comparison to exercise as add-on treatment to usual care in depression: a randomised, controlled pilot study. BMC Psychiatry. 2020 Nov 11;20(1):536. doi: 10.1186/s12888-020-02941-1. PMID: 33176757; PMCID: PMC7661265
3 https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/06_presse/bilder-pdfs-pressemitteilungen/2025/2._Quartal/UKF_HTB-D_Baederstudie_4S_Flyer__2024_2_END_1.pdf