Prof. Dr. med. André-Michael Beer ist im Sommer 2024 nach 27 Jahren als erster Direktor der Klinik für Naturheilkunde an der Klinik Blankenstein in Hattingen in den Ruhestand gegangen. Er ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Zusatzbezeichnungen erlangte er für Naturheilverfahren, Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen, Balneologie und medizinische Klimatologie sowie Zusatzqualifikationen in Akupunktur, Notfallmedizin und psychosomatische Medizin. 2004 habilitierte er sich als erster Mediziner nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland an einer staatlichen Universität (Ruhr-Universität Bochum) auf dem Gebiet der Naturheilkunde und lehrte dort Naturheilverfahren und Physikalische Medizin. Den Vorsitz im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung im Deutschen Heilbäderverband führt er bis heute.
Kasuistik: Neurodermitis
Wie Integrative Medizin hilft
Stark juckende, gerötete und trockene Haut: Neurodermitis gehört weltweit zu den häufigsten chronischen Hauterkrankungen. Vererbung spielt bei der „atopischen (allergiebezogenen) Dermatitis“ eine wichtige Rolle, zusätzlich können ein westlicher Lebensstil (Hygiene, Ernährung, Stress) und Umweltbelastungen Schübe begünstigen.1 Wie erfolgreich Integrative Medizin bei dieser Indikation helfen kann, schildert Prof. Dr. André-Michael Beer in diesem Fallbeispiel. Der ehemalige langjährige Direktor der Klinik für Naturheilkunde an der Klinik Blankenstein in Hattingen gehört dem Beirat der Initiative GESUNDE VIELFALT an. Ein Beitrag zum Weltneurodermitistag am Donnerstag.
Relevanz
Neurodermitis gehört zu den häufigsten chronischen Hauterkrankungen und wird weltweit immer öfter diagnostiziert.2 In Deutschland sollen rund fünf Millionen Menschen aktuell davon betroffen sein.3 Familiär gehäuft auftretende Neurodermitis führt oft schon im Kleinkindalter zu quälenden Symptomen und kann konventionell medizinisch in vielen Fällen nicht befriedigend behandelt werden.
Diagnose
Susanne Kleinschmidt, 44, leidet seit ihrer Jugend an Neurodermitis sowie an einer Colitis ulcerosa, einer entzündlichen Entzündung des Dickdarms.4 Sie wird stationär in der Klinik für Naturheilkunde aufgenommen, weil sich ihre Neurodermitis deutlich verschlechtert hat: Die Patientin hat eine ausgeprägte Dermatitis im Gesicht und am Dekolleté mit einem quälenden Juckreiz sowie Schwellungen im Gesicht, an Armen und Füßen. Die Symptome gehen auf den Entzug von Kortison nach einer vorherigen Behandlung in einer Fachklinik zurück. Die Stimmungslage von Susanne Kleinschmidt ist ebenfalls deutlich verschlechtert, sie habe „ihr Leben nicht mehr im Griff“. Sie sei ständig müde, die Haut „lähme“ sie. Auch die Colitis ulcerosa macht sich wieder stärker mit Beschwerden bemerkbar, was eine Darmspiegelung bestätigt. Nach vier Monaten Arbeitsunfähigkeit hat sie die Kündigung erhalten.
Konventionelle Therapie
Die Patientin befand sich vier Monate zuvor in einer dermatologischen Fachklinik, wo mit Kortisonpräparaten nur eine kurzfristige Beschwerdebesserung erzielt werden konnte. Das Absetzen führte zu Schwellungen im Gesicht, an Armen und Füßen. Weder Antihistaminika haben geholfen, noch eine anschließende fachdermatologische ambulante Behandlung.
Integrativmedizinische, naturheilkundliche Komplextherapie
Ergebnis der naturheilkundlichen Therapie
Durch die 16-tägige stationäre naturheilkundliche Komplexbehandlung bessert sich der Allgemeinzustand von Susanne Kleinschmidt deutlich. Hinsichtlich Hautbefund und Stimmungslage haben insbesondere die Vitamin-B12-Infusionen dazu beigetragen. Die naturheilkundliche Therapie lässt auch den akuten Schub der Colitis ulcerosa abklingen. Der verwendete Kanne-Brottrunk hilft dabei erfahrungsgemäß sehr gut und kann auch die Hautläsionen der Neurodermitis positiv beeinflussen.
Fazit
Ergänzende naturheilkundliche Therapieansätze können das Behandlungsspektrum bei Neurodermitis erweitern und sehr wertvoll sein. Dabei muss das Alter der Patienten berücksichtigt und die Auswahl der Therapieverfahren daran angepasst werden. Zudem stehen die Darmgesundheit und der Zustand des Mikrobioms immer im Zentrum einer integrativmedizinischen Betrachtung und werden im Zusammenhang etwa mit einer Neurodermitis gesehen – und gemeinsam therapiert. Konventionell arbeitende Mediziner haben diese Möglichkeit meist nicht.
Vita Prof. Dr. André-Michael Beer
Über „Gesunde Vielfalt“
Die Initiative „Gesunde Vielfalt“ ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Experten und Expertinnen unterschiedlicher Therapieformen. Unser Ziel ist, das Zusammenwirken von konventionellen und komplementären Therapien – sprich: die Integrative Medizin – stärker in den Vordergrund der Diskussion zu rücken, um notwendige Verbesserungen des Gesundheitssystems anzustoßen. Wir stehen dabei für den gegenseitigen Respekt der Therapieformen und Heilberufe. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Wir setzen uns für einen Paradigmenwechsel ein: Der Patient, die Patientin muss zum gleichberechtigten Akteur neben dem Arzt, der Ärztin werden, um das Gesundheitswesen nachhaltig zu reformieren. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Information und Aufklärung der Öffentlichkeit, der Nähe zur Praxis und Vernetzung von Ärztinnen, Ärzten, Apothekerinnen und Apothekern und Heilberufen im Sinne der Patientinnen, der Patienten. Wir verstehen uns als Plattform und Impulsgeber für einen ideologiefreien, offenen Diskurs um die Verbesserung des Gesundheitswesens in Deutschland.
Quellen:
1 https://link.springer.com/article/10.1007/s00112-014-3116-7?utm
2 https://www.barmer.de/presse/presseinformationen/pressearchiv/immer-mehr-neurodermitis-faelle-1245212
3 https://www.neurodermitisportal.de/neurodermitis-in-zahlen-und-fakten
4 Name redaktionell geändert