Prof. Dr. Holger Cramer hat seit 2022 die neu geschaffene Professur zur Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren am Universitätsklinikum Tübingen inne. Er studierte Psychologie in Münster und Bochum und promovierte zur Wirksamkeit von Yoga bei chronischen Schmerzen. Es folgte die Habilitation in Medizinischer Psychologie. Bis zu seinem Wechsel nach Tübingen war er Forschungsleiter an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte (KEM). Seit 2023 ist er zudem wissenschaftlicher Leiter des Robert Bosch Centrums für Integrative Medizin und Gesundheit am Bosch Health Campus in Stuttgart. Prof. Dr. Holger Cramer ist Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde.
Baden-Württemberg als Reallabor für die Versorgung mit Integrativer Medizin
Neue Studie mit WHO erforscht Einbettung von komplementären Verfahren in das Gesundheitssystem
Was fördert und was erschwert die Einführung von Integrativer Medizin in die Gesundheitsversorgung? Dieser Frage geht Prof. Dr. Holger Cramer von der Universität Tübingen und dem Bosch Health Campus Stuttgart in einer zweijährigen Studie mit seinem Team nach. Sein „Reallabor“, wie er sagt, ist Baden-Württemberg: schon jetzt ein historisch gewachsenes „Muster-Ländle“, was die Versorgung mit komplementärmedizinischen Heilmethoden angeht. Das drittgrößte deutsche Bundesland verfügt mit dem Kompetenznetz Integrative Medizin (KIM) über einen bundesweit einzigartigen Zusammenschluss von Kliniken, niedergelassenen Ärzten und Instituten, die Integrative Medizin praktizieren und mit ihren Erfahrungen zu der Studie beitragen. Das Projekt erfolgt in technischer Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO.
Prof. Dr. Cramer, Sie haben 2025 ein Projekt zur Integration komplementärer und integrativer Methoden in die Gesundheitsversorgung gestartet. Worum geht es dabei?
Traditionelle, Komplementäre und Integrative Medizin, also die Verbindung von konventioneller Medizin und komplementären Verfahren, sind schon Teil der Versorgungsrealität in Deutschland. Aktuelle repräsentative Daten zeigen, dass in Deutschland rund 70 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal Traditionelle, Komplementäre und Integrative Medizin genutzt haben.1 Knapp 40 Prozent haben diese Therapien innerhalb eines Jahres angewendet. Für uns bedeutet das, dass diese Methoden in der Bevölkerung eine relevante Rolle spielen und nicht nur ein Randphänomen sind. Wir wollen mit unserem Projekt erforschen, welche Faktoren förderlich sind, um traditionelle, komplementäre und integrative Verfahren in Kliniken und anderen Teilen des Gesundheitssystems zu implementieren – und welche Barrieren dies womöglich erschweren. Wir hoffen, Daten liefern zu können, die noch etwas besser die Versorgungsrealität in Deutschland abbilden. Diese wären von Nutzen, wenn weitere Implementierungen geplant werden. Idealerweise lassen sich damit naheliegende Fehler in der Zukunft vermeiden.
Wer ist mit „wir“ gemeint?
Das ist unser Team der Professur für die Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren an der Universität Tübingen sowie des Robert-Bosch-Zentrums für Integrative Medizin und Gesundheit am Bosch Health Campus in Stuttgart. Unser Kooperationspartner ist das Kompetenznetz Integrative Medizin (KIM) in Baden-Württemberg, darüberhinaus besteht eine technische Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO. Unterstützt wird das Projekt durch die Software AG-Stiftung.
Wie gehen Sie vor?
Das Projekt hat zwei Stränge. Zum einen führen wir eine qualitative Studie in Baden-Württemberg durch, hier kommt das Kompetenznetz Integrative Medizin (KIM) ins Spiel. Es handelt es sich um einen bundesweit einzigartigen Zusammenschluss überwiegend von Kliniken, aber auch einzelnen Praxen und Instituten. Dadurch können wir auf verschiedenen Ebenen gut Daten von einzelnen Mitgliedern erheben. Zusätzlich planen wir auch, Politiker sowie Vertreter von Krankenkassen einzubeziehen. In Fokusgruppen diskutieren verschiedene Akteure aus Gesundheitseinrichtungen miteinander, außerdem führen wir Einzelinterviews. Dieses Teilprojekt leitet Privatdozentin Dr. med. Barbara Stöckigt.
Was steht noch im Fokus?
Wir wollen schon vorhandene Erkenntnisse nutzen und werten dazu in einer systematischen Übersichtsarbeit, einem sogenannten Scoping Review, Literatur aus, die sich schon mit genau diesem Thema beschäftigt hat. Dabei beschränken wir uns nicht auf Deutschland, sondern sehen uns weltweite Studien in ganz unterschiedlichen Kontexten an. Dieses Teilprojekt wird von Dr. Jeremy Ng geleitet.
Was macht Baden-Württemberg neben dem KIM für Sie so interessant?
Baden-Württemberg eignet sich aus mehreren Gründen besonders für unser Vorhaben: Komplementärmedizin ist hier schon sehr stark in die Gesundheitsversorgung integriert, auch angesichts einer großen Nachfrage in der Bevölkerung. Menschen wünschen sich diese Art von Medizin, die gerade in Baden-Württemberg auch historisch lange verankert ist. Neben KIM hat sich auch das Akademische Zentrum für Komplementäre und Integrative Medizin AZKIM Baden-Württemberg etabliert. Dies ist ein wissenschaftlicher Zusammenschluss der Universitätskliniken in Heidelberg, Freiburg, Ulm und Tübingen. Sein Ziel ist es unter anderem, Grundlagenforschende mit klinisch Forschenden zusammenzubringen. Darüber hinaus gibt es in diesem Bundesland entsprechende politische Initiativen. Dazu gehört meine 2022 neu geschaffene Professur in Tübingen. Komplementärmedizin ist zudem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Baden-Württemberg. All das macht Baden-Württemberg zu einem sehr spannenden Reallabor, um zu verstehen, wie die Integration von Komplementärmedizin funktioniert.
Welche Rolle spielt die technische Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO?
Die Umsetzung der qualitativen Studie liegt bei uns. Auf technischer Ebene aber arbeiten wir mit der WHO zusammen. Die Weltgesundheitsorganisation beschäftigt sich seit Langem mit Wegen, wie evidenzbasierte und sichere komplementäre und vor allem traditionelle Methoden in nationale und lokale Gesundheitssysteme integriert werden können. Wir haben das Glück, methodische Unterstützung zu bekommen, insbesondere mit Modellen, die die WHO schon entwickelt hat und auf die wir zurückgreifen können. Das hilft uns sehr und spart Zeit. Die WHO begleitet die methodische Planung beratend und gibt uns fachliche Rückmeldungen. Diese gute Zusammenarbeit mit einem wichtigen Akteur im internationalen Gesundheitswesen wissen wir sehr zu schätzen.
Was bewegt die WHO, sich für Traditionelle und Integrative Medizin einzusetzen?
Die Weltgesundheitsorganisation beschäftigt sich schon seit den 1970er Jahren mit Traditioneller Medizin, zuletzt mit der Global Traditional Medicine Strategy 2025-2034. Sie befasst sich damit, wie Traditionelle, Komplementäre und Integrative Medizin evidenzbasiert, sicher und angemessen in Gesundheitssysteme eingebettet werden kann. Dazu werden viele Strukturen und Angebote für die Mitgliedstaaten bereitgestellt, um Traditionelle Medizin nutzbar zu machen. Die politische Umsetzung liegt natürlich bei den einzelnen Ländern.
Ist Ihr Fernziel, dass Integrative Medizin irgendwann den Weg in die Regelversorgung findet?
Nein, das ist eine politische Entscheidung. Unser Ziel ist ein rein wissenschaftliches. Wir wollen die Faktoren identifizieren, die wichtig sind, um Integrative Medizin in die Versorgung zu integrieren. Wir haben mittlerweile bei Weitem nicht für alle, aber für einige Methoden der Komplementären und Integrativen Medizin eine gute Evidenzlage, ein gutes Sicherheitsprofil und eine klare Nachfrage in der Bevölkerung. Das motiviert uns herauszufinden, welche Bedingungen vorliegen müssen, damit die Integration glückt. Im Anschluss an das aktuelle Projekt planen wir, auf der Basis unserer Ergebnisse, eine Art Handlungsempfehlung zu entwickeln: Was gilt es zu beachten, wenn Integrative Medizin in einem Krankenhaus oder eine andere Versorgungseinrichtung implementiert werden soll.
Ihre Erkenntnisse könnten auch für Bundesländer interessant sein, in denen Integrative Medizin noch nicht so verbreitet ist wie in Baden-Württemberg oder generell im Süden Deutschlands.
Die Komplementäre und Integrative Medizin wird akademisch immer stärker. Wir haben zunehmend mehr Professorinnen und Professoren in unserem Feld, und natürlich ist es sinnvoll, sich zusammenzuschließen, vielleicht auch zunächst regional, um gemeinsam Forschung besser betreiben zu können, die Sichtbarkeit zu erhöhen und die Durchsetzungsfähigkeit ein Stück weit zu stärken. Mittlerweile haben wir eine ganz gute Verteilung innerhalb Deutschlands. Im Norden etwa hat seit 2019 Matthias Rostock die Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin in der Onkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) inne, weitere Professuren gibt es im Westen und Osten der Bundesrepublik. Wobei der Süden mit akademischen Zentren zur Integrativen Medizin und Versorgungsangeboten sicherlich noch stärker besetzt ist. Die Frage ist auch, wie gerecht das Angebot zwischen Stadt und Land verteilt ist. Es sollte gerade auch in ländlichen und kleineren Häusern entsprechende Versorgung geben, damit es sich nicht um eine Medizin handelt, die vom Geldbeutel abhängt oder von der Bereitschaft, weit zu fahren.
Einzelne Studien zeigen, dass Integrative Medizin wirksam, sicher und kosteneffizient ist. Ist Ihre Forschung auch vor dem Hintergrund relevant, dass mit Integrativer Medizin der Finanzkrise im Gesundheitswesen begegnet werden könnte?
Wir sind komplett ergebnisoffen, aber es ist schon davon auszugehen, dass Kosten ein wichtiger Faktor sein werden. Es gibt bereits gut gemachte Forschung, die untersucht, ob komplementärmedizinische Methoden vielleicht nicht nur wirksam oder sicher oder beides sind, sondern auch kosteneffektiv. Für die Integration wird es eine essenzielle Rolle spielen, ob diese mit einer angemessenen Kostenstruktur tatsächlich abbildbar ist. Speziell an dieser Stelle brauchen wir tatsächlich noch mehr Forschung.
„Komplementärmedizinische Methoden spielen in der Bevölkerung eine relevante Rolle und sind nicht nur ein Randphänomen.“
Prof. Dr. Holger Cramer, Inhaber der Professur zur Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren am Universitätsklinikum Tübingen und Studienleiter
VITA Prof. Dr. Holger Cramer
Quellen:
1 Jeitler M, Ortiz M, Brinkhaus B, Sigl M, Hoffmann R, Trübner M, Michalsen A, Wischnewsky M and Kessler CS (2024) Use and acceptance of traditional, complementary and integrative medicine in Germany—an online representative cross-sectional study. Front. Med. 11:1372924. doi: 10.3389/fmed.2024.1372924
Härtel U, Volger E. Use and acceptance of classical natural and alternative medicine in Germany–findings of a representative population-based survey. Forsch Komplementarmed Klass Naturheilkd. (2004) 11:327–34. doi: 10.1159/000082814
Linde K, Alscher A, Friedrichs C, Joos S, Schneider A. The use of complementary and alternative therapies in Germany – a systematic review of Nationwide surveys. Forsch Komplementmed. (2014) 21:111–8. doi: 10.1159/000360917