Evidenzbasierte Beratung zu komplementärer Medizin und Pflege für Krebspatienten

© Verena Müller/privat

Integrative Medizin: „Endlich habe ich etwas an der Hand, um meine Gesundheit selbst zu fördern!“

Sich nicht länger hilflos und ausgeliefert fühlen, aktiv die eigene Genesung unterstützen: 40 bis 80 Prozent der Krebspatienten in Deutschland wünschen sich – zusätzlich zur erforderlichen konventionellen Behandlung – eine begleitende naturheilkundliche Therapie auf wissenschaftlicher Basis1. Das Universitätsklinikum Tübingen hat deshalb gemeinsam mit weiteren Universitätskliniken eine evidenzbasierte Beratung zu komplementärer Medizin und Pflege (KMP) entwickelt, die 2025 mit dem zweiten Platz beim Innovationspreis des Hauptstadtkongresses ausgezeichnet worden ist. Wie das sektorenübergreifende und interprofessionelle Programm „CCC-Integrativ“ Ratsuchende individuell unterstützt, schildern Prof. Dr. Cornelia Mahler, Direktorin der Abteilung Pflegewissenschaft I, und Andreas Schmitt, Facharzt für Visceralchirurgie und Berater in der CCC-Integrativ-Sprechstunde. Beide sind am Universitätsklinikum Tübingen tätig, wo auch das Comprehensive Cancer Center (CCC) Tübingen-Stuttgart verortet ist.

Herzlichen Glückwunsch zum zweiten Platz beim Innovationspreis des Hauptstadtkongresses 2025. Was genau ist CCC-Integrativ?

Prof. Dr. Cornelia Mahler (CM): CCC-Integrativ ist ein Forschungsprojekt mit dem Ziel, Patienten mit einer onkologischen Erkrankung zu integrativmedizinischen Verfahren zu beraten und dabei festzustellen, welche komplementären pflegerischen Anwendungen sie zu Hause selbst umsetzen können. Wir konnten zeigen, dass durch drei Beratungen in drei Monaten die Aktivierung der Patienten signifikant verbessert wurde und etwa depressive Verstimmungen nachließen. Inzwischen wird unser evidenzbasiertes Programm an allen vier Comprehensive Cancer Centers (CCC) in Baden-Württemberg angeboten und von der AOK Baden-Württemberg erstattet: in Tübingen, Freiburg, Ulm und Heidelberg. Sie gehören auch dem komplementärmedizinischen Netzwerk AZKIM an.

Es gibt zahlreiche Comprehensive Cancer Centers im Bundesgebiet mit Beratungen etwa zu Ernährung und Sport bei Krebs. Wie unterscheidet sich CCC-Integrativ davon?

(CM): Die meisten vorhandenen Angebote berücksichtigen keine integrativmedizinischen Aspekte, obwohl die medizinischen Leitlinien explizit vorsehen, dass Patienten dazu beraten werden sollen2. Es gibt oft nur die Empfehlung, zum Psychoonkologen zu gehen, sowie allgemeine Hinweise zu Sport und Ernährung. Die Menschen fragen jedoch danach, was sie selbst tun können und suchen nach vertrauenswürdigen ganzheitlichen Informationen. Der Bedarf daran wurde zuvor nicht gedeckt, und wir tun das nun. Ganz individuell, denn jeder Patient kommt mit einem unterschiedlichen Anliegen. Manchmal geht es gar nicht darum, Nebenwirkungen der Chemotherapie wie Übelkeit zu lindern (etwa mit Ingwer). Sondern es steht die Sorge im Vordergrund, nicht mehr arbeiten zu können. Hier könnte dann die Beratung zu stressreduzierenden Verfahren aus der Mind-Body-Medizin sowie zu entspannenden Einreibungen und Auflagen hilfreich sein.

Andreas Schmitt (AS): Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass unser Angebot kollaborativ entwickelt worden ist und wir auch interprofessionell beraten, mit wechselnder Gesprächsführung: Ärzte und Pflegefachpersonal gemeinsam. Wobei jeder seine Schwerpunkte hat: Die Mediziner beraten zu Arzneimitteln, ergänzender Phytotherapie, möglichen Wechselwirkungen und Sinnhaftigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln. Die Pflegefachpersonen bringen ihr Wissen zu naturheilkundlichen Pflegeinterventionen ein. Gerade hier gibt es einen großen Schatz an Maßnahmen, die etwa Nebenwirkungen abmildern und die Selbstwirksamkeit verbessern können. Und schließlich ist die Sprechstunde mit Beratung zu Lebensstilthemen wie Ernährung, Bewegung und Entspannungsverfahren sehr umfassend. All das hat erwiesenermaßen großen Einfluss auf die Lebensqualität und fördert das Selbstmanagement und die Selbstwirksamkeit, weil die Patienten sich durch die Beratung entscheiden können, was davon sie für sich umsetzen möchten und wo.

Worüber wird in der Beratung gesprochen?

(AS): Wir konzentrieren uns auf Symptommanagement, Nebenwirkungen und Lebensqualität. Insgesamt haben wir für unsere Patienten mehr als 90 sogenannte Infozepte für naturheilkundlich-integrative Interventionen entwickelt bei häufigen Symptomen wie Fatigue (Erschöpfung), Schlafstörungen, Schmerzen, Hitzewallungen, Übelkeit, Mundtrockenheit oder etwa Polyneuropathien. Dazu gehören unter anderem Anleitungen zur Akupressur, Einreibungen, Auflagen, Verwendung von Duftsticks oder etwa Heilpflanzentees. Wir leiten auch Entspannungsverfahren wie Atemübungen an oder empfehlen die Patienten weiter, etwa zu schon vorhandenen entsprechenden Angeboten für TaiJi/QiGong oder Yoga am Uniklinikum. Uns geht es darum, in jeder Hinsicht Brücken zu bauen. Manches klingt zunächst sogar banal, etwa die Empfehlung, ein Fußbad zu nehmen. Aber macht man das ohne Ablenkung wie Handy, Musik oder Buch, dann kann sich das vegetative Nervensystem entspannen, der Patient kann sich besser regenerieren. Viele Patienten haben uns gesagt: ,Endlich habe ich etwas an der Hand, was ich selbst tun kann, um meine Gesundheit zu fördern!‘

Hilft diese Beratung Patienten, ihr Interesse an Naturheilverfahren einzulösen?

(CM): Auf jeden Fall. Es gibt Untersuchungen, dass etwa die Hälfte aller Patienten, die komplementäre Medizin und Pflege nutzen, dies ihren konventionellen Behandlern nicht sagen3. Unser Angebot schafft Offenheit und Vertrauen, reduziert potenzielle Wechsel- und Nebenwirkungen und dient damit letztlich auch der Genesung.

Was ändert eine solche Beratung auf Augenhöhe für Ärzte und Pflegefachpersonen?

(CM): Das Projekt hat zu einem besseren Miteinander geführt. Beide Berufsgruppen konnten viel voneinander lernen und gerade die ärztlichen Kollegen erkannten, welch kompetente Pflegefachpersonen sie an ihrer Seite haben. Wenn bislang oft nicht zu integrativmedizinischen Verfahren beraten wird, dann liegt das auch mit daran, dass viele Ärzte sich auf diesem Terrain nicht sicher fühlen. Bevor sie etwas Falsches sagen, beraten sie lieber gar nicht dazu – und stehen deshalb nicht hinter integrativen pflegerischen Interventionen oder haben gegenüber integrativmedizinischen Ansätzen insgesamt eine kritische Haltung. Unter den Pflegefachpersonen herrscht eine deutlich positivere Einstellung gegenüber integrativ-naturheilkundlichen Interventionen. Den Unterschied zwischen Ärzteschaft und Pflegefachpersonen hat auch eine Studie bei uns in Baden-Württemberg gezeigt4. Die Unsicherheit der Ärzte beruht, wie erwähnt, häufig auf Unwissenheit hinsichtlich der unterschiedlichen Verfahren. Unser Ziel ist es daher auch, Health Care Professionals zum Thema zu qualifizieren. Aus dem Projekt CCC-Integrativ heraus ist ein „Interprofessionelles evidenzbasiertes Schulungsprogramm für integrative Gesundheitsversorgung in der onkologischen Beratung“ (INSIGHT) konzipiert worden, das inzwischen als wissenschaftliche Weiterbildung am Universitätsklinikum Tübingen angeboten wird.

Was wird in dieser neunmonatigen berufsbegleitenden Weiterbildung vermittelt?

(AS): Wir vermitteln evidenzbasierte Inhalte zu den wichtigsten Themen einer interprofessionellen naturheilkundlich-integrativen Beratung. Dazu gehören die Lebensstilthemen Ernährung, Bewegung und Entspannungsverfahren, Gesprächsführung und Interprofessionalität, naturheilkundliche Pflegeinterventionen und Akupressur bei den häufigsten Symptomen von onkologischen Patientinnen und Patienten sowie ausgewählte Phytotherapeutika. Selbstverständlich gehen wir auch auf die Risiken wie Wechselwirkungen mit Chemotherapeutika ein. Bei den Präsenzmodulen legen wir Wert auf Selbsterfahrung und führen realistische Fallbesprechungen durch, in denen das erworbene Wissen praktisch in Kleingruppen angewandt wird.

(CM): Bei der Entwicklung des Programms haben wir die Expertise aller Professionen, die im CCC-Integrativ Projekt am Schulungsprogramm beteiligt waren, eingebunden. Beteiligt war das ganze ,Who is Who‘ der integrativen Onkologie in Deutschland.

Wer nimmt an dieser Schulung teil?

(AS): Sie steht allen Gesundheitsfachberufen und medizinischen Disziplinen offen, die in der direkten Patientenversorgung Berührungspunkte mit onkologischen Themen und Patientinnen und Patienten haben: Hämatoonkologen, Hausärzte, Gynäkologen, Radio-Onkologen, Chirurgen, Pflegefachpersonen, Medizinische Fachangestellte und andere. Die Zugangsvoraussetzungen sind bewusst niederschwellig: Es genügen ein akademischer Abschluss in einem Gesundheitsberuf oder zwei Jahre Berufserfahrung nach einer entsprechenden Ausbildung in Verbindung mit Patientenbezug. Die Weiterbildung schließt mit einem Certificate for Advanced Studies ab. Inzwischen interessieren sich auch Kollegen von anderen Comprehensive Cancer Centers dafür.

(CM): Bei der Entwicklung des Programms haben wir die Expertise aller Professionen, die im CCC-Integrativ Projekt am Schulungsprogramm beteiligt waren, eingebunden. Beteiligt war das ganze ,Who is Who‘ der integrativen Onkologie in Deutschland.

Könnte mittelfristig auch in einer niedergelassenen onkologischen Praxis eine solche Beratung angeboten werden?

(AS): Eine Schlüsselfrage dabei ist nach wie vor die Kostenübernahme. Obwohl es eine sehr gute Evidenz für die Wirksamkeit etwa von Lebensstilinterventionen gibt, werden entsprechende Gespräche dazu kaum vergütet. Letztlich sind das auch politische Entscheidungen. Würde eine Symptommanagement-Sprechstunde eingerichtet und eine Pflegefachperson hinzugezogen, wäre das realistisch und wünschenswert.

(CM): Bei der Entwicklung des Programms haben wir die Expertise aller Professionen, die im CCC-Integrativ Projekt am Schulungsprogramm beteiligt waren, eingebunden. Beteiligt war das ganze ,Who is Who‘ der integrativen Onkologie in Deutschland.

Würden nicht auch Menschen mit anderen Erkrankungen von solch einem komplementären medizinischen und pflegerischen Angebot profitieren?

(CM): Ein wichtiges Thema! Im Hogrefe-Verlag haben meine Tübinger Kollegin Prof. Stefanie Joos und ich das interprofessionelle Handbuch „Integrative Interventionen in der Onkologie” herausgegeben, mit all‘ unserem Wissen und den Infozepten nach Indikation5. So etwas brauchen wir auch für nicht-onkologisch Erkrankte, die selbst für ihre Gesundheit aktiv werden wollen. Wir selbst nutzen unsere Interventionen etwa bei Fatigue, wie sie auch beim Post Covid-Syndrom auftritt, bei Schmerzen oder auch bei geriatrischen Patienten.

(AS): Der Bedarf an integrativmedizinischen und -pflegerischen Beratungen, die wissenschaftlich fundiert sind, ist immens. Die Datenlage wird immer besser. Ich kann mir vorstellen, dass entsprechenden Maßnahmen irgendwann Teil der Regelversorgung sein werden. Krebspatienten finden Informationen zu integrativmedizinischen Interventionen auch beim Kompetenznetz Komplementärmedizin in der Onkologie e.V. (KOKON), das seine Expertise in unser Projekt CCC-Integrativ ebenfalls mit eingebracht hat.
(CM): Bei der Entwicklung des Programms haben wir die Expertise aller Professionen, die im CCC-Integrativ Projekt am Schulungsprogramm beteiligt waren, eingebunden. Beteiligt war das ganze ,Who is Who‘ der integrativen Onkologie in Deutschland.

„Die Menschen fragen danach, was sie selbst tun können und suchen nach vertrauenswürdigen ganzheitlichen Informationen. Der Bedarf daran wurde zuvor nicht gedeckt, und wir tun das nun.“

Prof. Dr. Cornelia Mahler, Direktorin der Abteilung Pflegewissenschaft I am Universitätsklinikum Tübingen

Quellen:
1 Horneber M, Bueschel G, Dennert G, Less D, Ritter E, Zwahlen M. How many cancer patients use complementary and alternative medicine: a systematic review and metaanalysis. Integr Cancer Ther. 2012 Sep;11(3):187-203. doi: 10.1177/1534735411423920. Epub 2011 Oct 21. PMID: 22019489 / Boon HS, Olatunde F, Zick SM. Trends in complementary/alternative medicine use by breast cancer survivors: comparing survey data from 1998 and 2005. BMC Womens Health. 2007 Mar 30;7:4. doi: 10.1186/1472-6874-7-4. PMID: 17397542; PMCID: PMC1851951.
2 https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin/
3 Shalom-Sharabi I, Samuels N, Lev E, Lavie O, Keinan-Boker L, Schiff E, Ben-Arye E. Impact of a complementary/integrative medicine program on the need for supportive cancer care-related medications. Support Care Cancer. 2017 Oct;25(10):3181-3190. doi: 10.1007/s00520-017-3726-4. Epub 2017 Apr 22. PMID: 28434097.
4 Hesmert et al, 2024, Exploring the gap, doi: 10.3389/fmed.2024.1408653
5 https://www.hogrefe.com/de/shop/integrative-interventionen-in-der-onkologie-99584.html

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