Bamberg und München: Ganzheitliche Wege aus der Erschöpfung mit Naturheilkunde und Hyperthermie

© GeVi

Dreiteilige Serie: Vielversprechende Therapieergebnisse der Integrativen Medizin beim Post-Covid-Syndrom (Teil 1)

Die Coronakrise ist vorbei. Doch im Leben vieler Menschen hat sie gravierende gesundheitliche Spätfolgen hinterlassen: Das Post oder Long Covid-Syndrom lässt bis heute etwa jeden zehnten Menschen, der sich mit SARS-CoV-2 infiziert hat, unter einer Vielzahl an Symptomen leiden. Dazu zählen insbesondere starke Erschöpfung (ME/CFS), kognitive Beeinträchtigungen, Atemnot oder Herzrasen.1 Schon den Alltag zu bewältigen, fällt schwer. Ein Teil der Patienten ist arbeitsunfähig oder sogar bettlägerig. Eine offizielle Gesamtstatistik fehlt, die Zahl der Betroffenen wird auf 650.000 bis etwa 1,5 Millionen Menschen geschätzt.2 Die Dunkelziffer ist hoch. Die konventionelle Medizin behandelt in der Regel symptomorientiert und mit rehabilitativen Interventionen, die oft aber eher überfordern als unterstützen. Nach einem wirksamen Medikament wird geforscht, in Deutschland etwa an der Charité in Berlin.3 In dieser dreiteiligen Serie stellt die Initiative GESUNDE VIELFALT naturheilkundliche Kliniken in Deutschland vor, die mit multimodalen, integrativmedizinischen Ansätzen ganzheitliche Wege gehen, um Betroffenen wirksam zu helfen. In Teil 1 kommen Prof. Dr. med. Jost Langhorst, Chefarzt der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg, sowie Robert Schmidt, Chefarzt des Krankenhauses für Naturheilweisen (KfN) in München, zu Wort. Sie nutzen im Rahmen einer multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapie auch Hyperthermie („künstliches Fieber“).

„Es gibt nicht die eine Therapie, die jedem hilft, deshalb müssen wir immer individuell vorgehen“, betont Robert Schmidt, Chefarzt des Krankenhauses für Naturheilweisen in München und Beiratsmitglied der Initiative Gesunde Vielfalt. Prof. Jost Langhorst, Chefarzt an der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg, stimmt ihm zu und ergänzt: „Dadurch sehen wir aber viele Verläufe, die wirklich besser werden.“ 2024 habe beispielsweise eine prospektive Versorgungsforschungsstudie zur stationären Therapie an seiner Bamberger Klinik „signifikante Verbesserungen des Symptomkomplexes sowie der Selbsteinschätzung zur Arbeitsfähigkeit“ gezeigt.4 Eine qualitative Studie zum elfwöchigen Programm an der hauseigenen Tagesklinik ergab zudem „eine effektive Symptomverringerung, verbesserte Strategien der Selbstfürsorge und des Umgangs mit der Erkrankung”.5 Am KfN in München konnte eine interne Beobachtungsstudie belegen, berichtet Chefarzt Robert Schmidt, dass die multimodale naturheilkundliche Komplexbehandlung binnen zehn Tagen zu einer signifikanten und anhaltenden Besserung des Symptomkomplexes geführt hat. „Unser realistisches Therapieziel ist nicht sofortige Beschwerdefreiheit, sondern eine spürbare Funktionsverbesserung“, so Robert Schmidt, „die Vitalität stieg im Schnitt von 30 auf 60 Prozent.“ Zudem sei vor der Behandlung nur knapp jeder zehnte Patient voll arbeitsfähig gewesen, sechs Monate nach dem Aufenthalt im KfN aber „immerhin etwa jeder vierte“.

Die multimodale naturheilkundlichen Komplextherapie beim Post Covid-Syndrom

Der multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapie steht eine Vielzahl an verschiedenen Therapiebausteinen zu Verfügung, die für jeden Patienten neu kombiniert werden. Sie ähneln sich häufig und basieren auch an den beiden hier genannten Kliniken auf fünf Säulen, wie sie ebenfalls die Kneippmedizin kennt: eine ausgewogene Ernährung, Bewegungstherapie, in diesem Fall mit „Pacing“ (Belastungsmanagement), Phytotherapie (Pflanzenheilkunde, ergänzend zu herkömmlicher Pharmakotherapie), Hydro- und Thermotherapie (Wasseranwendungen und Wärme) sowie Ordnungstherapie oder moderner: Mind-Body-Medizin (u.a. Stressreduktion mit Entspannungsverfahren und Achtsamkeit, Kunsttherapie, Einzel- und Gruppengespräche). „Einen multimodalen Ansatz sieht zwar auch die S1-Leitlinie zur Behandlung von Long und Post Covid vor, aber das können viele Akutkliniken gar nicht leisten“, betont Prof. Jost Langhorst. An der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg haben er und sein Team inzwischen mehr als 1.000 Menschen behandelt, die an Post Covid litten. Mehr als 3.000 Patienten mit Post Covid-Symptomen haben Chefarzt Robert Schmidt und seine Kollegen am Krankenhaus für Naturheilweisen in München therapiert.

Ganzheitliche Herangehensweise: Selbstheilungskräfte und Selbstwirksamkeit fördern

Die ganzheitliche Herangehensweise ist nicht nur individueller als konventionelle Ansätze. Sie ist zudem von einem anderen Bild des Menschen geprägt: Die naturheilkundlichen Verfahren sollen gezielt das Immunsystem stimulieren, die Selbstheilungskräfte anregen und damit die Selbstregulation des Organismus fördern. Körper, Seele und Geist werden als Einheit begriffen. Verfahren der Mind-Body-Medizin sollen explizit auch die Psyche stärken und darüber den Körper. Zentral ist die Motivation zu Lebensstilmodifikationen. Die Patienten erhalten viele Methoden an die Hand, die sie zu Hause anwenden können. Eine solche Aktivierung erhöht die Selbstwirksamkeit, reduziert nachweislich Stress und fördert die dringend benötigte Regenerationsfähigkeit des Organismus.

Zusätzlicher Schwerpunkt: Ganzkörperhyperthermie oder „Künstliches Fieber“

In Verbindung mit der naturheilkundlichen Behandlung setzen die beiden Chefärzte in Bamberg und München auch auf die sogenannte Ganzkörperhyperthermie: Dabei wird im Körper der Patienten ein kontrolliertes, künstliches Fieber mit 38,5 bis 39,5 Grad Celsius erzeugt. Unterstützt von einer begleitenden Sauerstofftherapie soll es die Abwehrkräfte befähigen, noch vorhandene Spikeproteine zu eliminieren, die nach einer Coronainfektion im Körper verblieben sind und eine Vielzahl der Beschwerden mit verursachen können. „Bei dieser Temperatur ist das Immunsystem nachweislich am aktivsten“, erklärt Prof. Jost Langhorst, „für uns ist dieses Verfahren ein echter ,Gamechanger‘“. Sein Team nutzt ein spezielles Verfahren, um das Immunsystem entsprechend anzuregen. Dabei wird die Infrarot-Strahlung durch Wasser gefiltert und kann so tiefer in das Gewebe eindringen und die kleinen Blutgefäße erreichen, ohne die Haut zu schädigen. Die Ergebnisse von zwei weiteren Bamberger Studien zur multimodalen Therapie an der Tagesklinik sowie zur Behandlung mit der wassergefilterten Infrarot-A-Ganzkörperhyperthermie werden in den kommenden Monaten veröffentlicht. Auch im KfN in München hat sich, so Chefarzt Robert Schmidt, die Ganzkörperhyperthermie als „besonders effektiv” erwiesen.

Fallbeispiel: Wieder arbeitsfähig nach monatelanger Krankheit

„Wir hatten eine etwa 55 Jahre alte Patientin, die sich 18 Monate zuvor mit SARS-CoV-2 infiziert hatte”, berichtet Prof. Jost Langhorst. „Sie litt nach der akuten Phase unter dem Post-Covid-Syndrom, ein Reha-Aufenthalt hatte nur kurzfristig Besserung gebracht. Die Frau hatte als Krankenschwester gearbeitet, war lange krankgeschrieben und hatte schließlich ihre Stelle verloren – einen Tag, bevor sie zu uns in die stationäre Behandlung kam. Sie sagte, ihr Energielevel liege bei 30 Prozent, sie können gerade das Nötigste bewältigen. Wir therapierten sie für zwölf Tage mit unserem multimodalen, integrativmedizinischen Konzept. Danach wechselte sie mit einem Energielevel von 50 Prozent in unser tagesklinisches Programm: Nach drei Monaten mit zehn Terminen etwa einmal in der Woche fühlte sie sich bei 80 Prozent. Sie hat inzwischen eine neue Arbeitsstelle gefunden und geht ihrem Beruf als Krankenschwester wieder nach. Das ist natürlich idealtypisch und gelingt nicht immer. Aber solche Erfahrungen motivieren uns sehr.“

„Sich frühzeitig medizinische Hilfe zu holen, ist zentral”

Die beiden Experten sind sich einig: frühzeitige medizinische Hilfe ist zentral. Doch auch, wenn sie sich bemühen, erhalten die Patienten nicht immer die Unterstützung, die sie bräuchten: „Trotz starker Beschwerden bleibt die Standarddiagnostik häufig unauffällig“, erklärt Robert Schmidt vom Krankenhaus für Naturheilweisen in München. Umso wichtiger seien Funktions und Verlaufsparameter zu Belastbarkeit, Schlaf, Kognition oder auch Lebensqualität. Viele Menschen fühlten sich mit ihrem Leid alleingelassen. Prof. Jost Langhorst aus Bamberg berichtet, dass Patienten oft Fachärzte aufsuchten, die ihnen mitteilten, aus ihrer Sicht „gesund“ zu sein: „Viele Betroffene warten daher jahrelang auf eine hilfreiche Therapie.“ Das aber führe häufig zu einer Chronifizierung der Beschwerden. Die beiden Chefärzte betonen, dass von den genannten Therapieformen „viele Patienten ausdrücklich profitieren. Aber leider nicht jeder.” Warum das so ist, müsse in weiteren Studien erforscht werden. Alle Krankenkassen übernehmen die Kosten für die multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapien am Krankenhaus für Naturheilweisen in München sowie an der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg.

„Mit der multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapie sehen wir signifikante Verbesserungen des Symptomkomplexes sowie der Selbsteinschätzung zur Arbeitsfähigkeit.“

Prof. Dr. Jost Langhorst, Chefarzt an der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg

Quellen:
1 Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue Syndrom (ME/CFS)
dazu auch: https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs
2 https://mecfs-research.org/press/press-releases/pm-costreport-long-covid-and-mecfs
und https://link.springer.com/article/10.1007/s42212-024-00707-4
3 https://cfc.charite.de/klinische_studien/nksg
4 https://link.springer.com/article/10.1007/s00406-024-01792-1
5 https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2025.1688592/full

Zurück zur Übersicht