„Integrative Medizin bietet viele Ansätze auch für die Prävention“

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CSU-Politiker Klaus Holetschek zu komplementärmedizinischen Therapieoptionen

Die Kneipptherapie und ihre komplementärmedizinische Bandbreite haben sein Leben geprägt, er selbst hat drei Lehrstühle für Integrative Medizin in Bayern initiiert: Klaus Holetschek, Vorsitzender der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag und früherer bayerischer Gesundheitsminister, setzt sich für mehr Prävention im Gesundheitssystem ein. Ein Gespräch über die Bedeutung von Evidenz in der Medizin, Achtsamkeit und einen seiner größten Erfolge über den eigenen inneren Schweinehund.

Herr Holetschek, kürzlich haben Sie gesagt, Integrative Medizin begleite Sie seit vielen Jahren in Ihrer Eigenschaft als Gesundheitspolitiker. Sie stehe für eine Medizin, die den Menschen ganzheitlich mit Körper, Seele und Geist denkt. Wieso ist Ihnen das wichtig?

Die Menschen sind von unserem komplexen Gesundheitssystem und seinen Herausforderungen verunsichert: steigende Krankenkassenbeiträge, Arzttermine, die nicht zur Verfügung stehen, Ärzte, die möglicherweise zu wenig Zeit haben, weil sie zu viel mit Bürokratie überlastet sind. Ist jemand aber krank, möchte er Vertrauen in die Versorgung haben. Er möchte wahrgenommen werden in seiner gesamten Persönlichkeit. Er ist verletzlich. Letztlich sind all diese Aspekte sogar demokratierelevant, denn finden die Menschen keinen Arzt oder bezahlbaren Pflegeplatz, verzweifeln sie und sagen, der Staat funktioniere nicht. Womöglich radikalisiert sich der ein oder andere. Deshalb müssen wir uns überlegen: Was können wir tun, um uns hier zu verbessern? Der Pfarrer und Gesundheitspionier Sebastian Kneipp hat mit seiner Kneipp-Therapie alle Aspekte des Menschseins im Zusammenhang gesehen und miteinander verbunden. Sein Ansatz einer ganzheitlichen Integrativen Medizin, die Körper, Geist und Seele berücksichtigt, ist aktueller denn je. Das bestätigt auch die Forschung aus der Psychoneuroimmunologie. Eine ganzheitliche Betrachtung wird von der Bevölkerung zudem gewollt.

Sie waren jahrelang Präsident des Kneippbundes und Vorsitzender des Stammkneippvereines. Wieso gerade Kneipp?

Pfarrer Kneipp ist der Vater der Naturheilverfahren in Deutschland und hat mich sehr geprägt. Er stammte aus Bad Wörishofen, wo ich gut zehn Jahre lang Bürgermeister war. Er hat fünf Therapiesäulen etabliert: Wasseranwendungen, Bewegung, Ernährung, Pflanzenheilkunde und Ordnungstherapie. Bei Letzerem sprechen wir heute von Mind-Body-Medizin. Achtsamkeit spielt eine wichtige Rolle bei der Gesundung, auch die Spiritualität. Was gibt einem Menschen innerlich Kraft? Eine Querschnittsstudie der Berliner Charité etwa hat Ende 2024 gezeigt, dass sich regelmäßiges Rosenkranzbeten positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken und Achtsamkeit fördern kann. So etwas ersetzt selbstverständlich keine medizinische Behandlung, gehört aber zu einem Spektrum von komplementärmedizinischen Interventionen, die weiter erforscht werden und möglicherweise ergänzend zur modernen Apparatemedizin einen Beitrag leisten können. Das muss evidenzbasiert geschehen und durch Mediziner, die wissen, wann sie modernste Medizin brauchen, und was aber auch zusätzlich getan werden kann.

Evidenzbasierte Medizin, so wie es der kanadische Professor David Sackett definiert hat, beruht auf den drei Säulen von Studienlage, ärztlichen Erfahrungen und aus Erfahrungen resultierenden Wünschen der Patienten. Welchen Stellenwert räumen Sie dem dieser Definition von evidenzbasierter Medizin ein, die auch auf Erfahrungen fußt?

Das Ziel ist Wissenschaft in ihrer höchsten Güte, mit doppelblind-randomisierter Forschung. Deswegen bin ich auch ein Verfechter von Studien, um zu prüfen, wie wir therapeutische Ziele wissenschaftlich fundiert erreichen. Wobei das bei Naturheilverfahren wesentlich schwieriger zu erfüllen ist, da sie sehr individualisiert angewendet werden. Dem muss man Rechnung tragen. Denn natürlich spielt auch Volks- oder Klostermedizin mit ihrem jahrhundertelangen Erfahrungsschatz eine wichtige Rolle und sollte mit in die Bewertung einfließen.

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit Kneipp-Anwendungen gemacht?

Für den Bürgermeister in Bad Wörishofen gehört das Wassertretbecken selbstverständlich dazu. Ich bin ein großer Anhänger des Gesichtsgusses, der tatsächlich schön erfrischt und den Geist motiviert. Ebenso wie auch der Armguss, der ,Espresso der Kneippianer’. In meiner Zeit als Bürgermeister habe ich deshalb dafür gesorgt, dass der Bayerische Landtag ein Armbecken bekommt. Nach hitzigen Debatten kühlt es wunderbar ab. Auch das Thema Achtsamkeit würde ich gerne für mich selbst noch ein bisschen mehr erschließen. Zweimal war ich schon auf dem Jakobsweg. Ich wollte erfahren, was mit mir geschieht, wenn ich mal Zeit habe, wandere und meine Gedanken sich ganz anders sammeln können. Wir sind in der Politik ständig im Hamsterrad und zwischen Terminen gefangen. Insofern bietet die Integrative Medizin viele Ansätze auch für die Prävention. Achtsamkeit etwa sollte von Anfang an in der Therapie mitgedacht werden.

Sie nennen Kneipp auch einen ,Visionär der Präventivmedizin’. Inwiefern?

Eine seiner Aussagen war: ,Gesundheit bekommt man nicht im Handel, sondern durch den Lebenswandel.’ Wie wichtig der eigene Lebensstil ist, habe ich selbst am eigenen Leib erfahren. Wenn es um Gewichtsreduktion geht, um gesunde Ernährung, um Bewegung, unseren Umgang mit Stress, dann finden wir diese Ansätze alle auch schon bei Kneipp. Es gab Zeiten, in denen ich selbst viel zu viel Gewicht hatte. Zudem war ich starker Raucher. Nach unzähligen Versuchen habe ich es schließlich geschafft, diese Sucht aufzugeben. Das halte ich bis heute für eine meiner größten Leistungen.

Wie ist es Ihnen gelungen, vom Rauchen loszukommen?

Ich habe viele Anläufe gebraucht. Nach einer Operation gelang es mir, für zwei Wochen keine Zigarette anzurühren und ich dachte, jetzt werde ich zum Genussraucher. Mal eine am Abend, das geht schon. Das hat aber nur kurzzeitig funktioniert. Irgendwann hat’s dann Klick gemacht. Ich glaube, ich hatte tatsächlich das Gefühl, ich bewege mich sonst auf eine chronisch obstruktive Bronchitis (COPD) zu. Ich merkte, ich muss etwas tun. Später bin ich dann sogar zweimal Marathon gelaufen und fünfmal Halbmarathon. Wenn ich denke, wie kurzatmig ich früher war! Nach einem Kilometer beim Joggen habe ich immer gedacht: ,Oh Gott, jetzt ist es vorbei.’ Aber man kann wirklich viel schaffen, wenn man konsequent dranbleibt. Ich weiß, das ist leicht gesagt und umso schwerer getan.

Der Körper kann sich erstaunlich gut regenerieren, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt.

Ja, zum Glück.

Ihren Lebensstil aktiv zu ändern, hat Ihnen persönlich geholfen, nicht nur Lebensqualität zurückzugewinnen, sondern auch wieder gesünder zu werden. Ist diese sogenannte tertiäre Prävention, die sich vor allem an chronisch kranke Menschen wendet, nicht gerade ein wesentlicher Bestandteil der Integrativen Medizin?

Ja, das denke ich schon. Lebensstiländerung ist ein wichtiges Thema. Wir reden ja heute auch von neuen Themen wie Longevity: Wir alle wollen möglichst gesund alt werden, und wir erreichen das vor allem auch dadurch, dass wir unseren Lebensstil anpassen. Es gilt letztlich in jedem Alter und in jeder Lebensphase: zu vermeiden, krank zu werden oder gegenzusteuern, wenn es doch geschieht. Das hört niemals auf. Auch deshalb würde ich mir grundsätzlich wünschen, dass wir in der Gesundheitspolitik einen Paradigmenwechsel zur Prävention hin schaffen. Prävention sollte noch mehr gefördert und stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Inzwischen gibt es auch auf diesem Gebiet durch Künstliche Intelligenz interessante Fortschritte. Ich denke etwa an den österreichisch-ungarischen Physiker und Nobelpreisträger Prof. Ferenc Krausz. Er hat eine Methode entwickelt, im Blut frühzeitig ablesen zu können, wie sich die großen Volkskrankheiten entwickeln. Ist die Forschung dazu einmal abgeschlossen, ließe sich damit auch ein System der Prävention aufbauen.

Die Krankenkassen wollen oder müssen sparen und erstatten diverse präventive Angebote nicht oder nicht mehr.

Ich glaube, es geht gar nicht nur ums Sparen. Es geht um die Frage, wo prioritär Mittel eingesetzt werden. Wir haben ja sehr viel Geld im System. Deutschland gehört zu den Ländern mit den häufigsten Arztbesuchen weltweit, trotzdem haben wir nicht die höchste Lebensqualität oder Lebenserwartung. Von daher müssen wir uns fragen: Wo sind die Prioritäten im System? Prävention sollte eine große Priorität haben.

Das deutsche Präventionsgesetz von 2015 soll weiterentwickelt werden, aber bisher gibt es noch nichts Finales. Im Sommer 2026 hat das Bundesgesundheitsministerium in diesem Zusammenhang eine ,Präventionsoffensive‘ gestartet, damit Prävention und Gesundheitsförderung im Gesundheitssystem fest verankert und Erkrankungen vermieden werden. Was ist Ihr Eindruck davon?

Die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes hat mehrere Anläufe gebraucht, weil es nach jeder Legislaturperiode der Diskontinuität anheimgefallen ist. Ich würde mir wünschen, dass man sich das noch einmal gut anschaut unter dem Aspekt: ,Was kann man da noch besser machen?’ Es gab ja etwa vom damaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach dieses ,Gesundes-Herz’-Gesetz, wo man dann aber sehr stark den Fokus auf Medikamente gelegt hat. Prävention ist aus meiner Sicht der Schlüssel, um manche Probleme im Gesundheitssystem zu lösen, bis hin zu der Frage, wie sich die Kosten reduzieren lassen, wenn die Menschen mehr in Eigenverantwortung auf ihre Gesundheit schauen. ,Wie kann ich selbst beitragen’, zusätzlich zu dem, was der Staat, die Krankenkassen und Gesundheitsinstitutionen für Prävention tun?

Die Zuckergetränkesteuer ist nun beschlossene Sache und soll im Sommer 2027 in Kraft treten. Hersteller sehr süßer Getränke sollen so dazu bewegt werden, ihre Rezepturen gesünder zu gestalten. Mit den Einnahmen von jährlich rund 450 Millionen Euro sollen die Kosten der Krankenkassenbeiträge stabil gehalten werden. Eine Abgabe rettet die andere?

Die Zuckersteuer ist, ehrlich gesagt, ein bisschen falsch eingefädelt worden. Ich verstehe, dass die Menschen nicht dauernd neue Steuern wollen. Eine Steuer darf sowieso nicht zweckgebunden sein und eine Zuckersteuer, die dem allgemeinen Haushalt dient, um dort Löcher zu stopfen, finde ich nicht richtig. Ich hätte mir eine Abgabe vorstellen können, die dann aber zielgenau der Prävention zugutekommt. Da hätten viele Menschen gesagt: ,Ja, verstehe ich. Davon profitiere ich.’


Was tut sich denn in Ihrem Bundesland Bayern im Hinblick auf Prävention?

Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention hat 2025 einen ,Masterplan Prävention’ mit rund 170 Partnerorganisationen auf den Weg gebracht. Es geht dabei um Primär- und Sekundärprävention, also darum, Krankheiten vorzubeugen. Nehmen wir die Themen Ernährung und Bewegung: Wir haben in den Schulen eine zusätzliche Sportstunde eingeführt. Wir wollen uns das Essen in den Schulen anschauen, um zu prüfen, ob und wie es sich verbessern ließe. Da passiert schon viel im Rahmen von Bildungspolitik, die Ländersache ist, aber es kann noch mehr werden. Gleichzeitig kann man den Schulen nicht alles aufbürden, was möglicherweise auch in der Verantwortung der Eltern liegt. Auch sie müssen ihre Gesundheitskompetenz stärken. Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention hat dafür 2025 einen Präventionstag ins Leben gerufen. Jedes Jahr am 12. Oktober informieren wir weitreichend über die Möglichkeiten, die jeder Einzelne hat, um gesünder zu leben. Wir wollen auch bei den Vorsorgeuntersuchungen noch mal hinschauen: Was kann man da noch verbessern?

Sie haben in Ihrer Zeit als bayerischer Gesundheitsminister drei Lehrstühle für Integrative Medizin selbst initiiert, in Augsburg, Würzburg und Erlangen. Was hat Sie dazu inspiriert?

Wir brauchen Studien. Wir müssen Nachweise erbringen und belegen, was wir können. Und wie geht das am besten? Mit Lehrstühlen, mit Kompetenznetzwerken. Baden-Württemberg geht übrigens auch so vor. Und da sind wir in Bayern jetzt auch gut aufgestellt. Augsburg ist eine relativ junge Universität, wo Frau Professor Claudia Traidl-Hoffmann sich sehr für Umweltmedizin engagiert. Ich freue mich, dass wir dort jetzt einen neuen Lehrstuhl für Integrative Medizin haben, den Professor Christian Keßler innehat. Seine Schwerpunkte sind Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention. In Würzburg forscht Frau Professor Claudia Löffler zu Integrativer Onkologie. In Erlangen steht am Lehrstuhl für Integrative Medizin von Frau Professor Yurdagül Zopf Ernährungsmedizin im Fokus. Wir haben in Bayern eine lange Tradition der Naturheilkunde, nicht zuletzt mit ortsgebundenen Heilmitteln in Kurorten und Heilbädern. Als langjähriger Vorsitzender und heutiger Ehrenvorsitzender des Bayerischen Heilbäderverbandes war es mir zusätzlich wichtig, dieses Erbe weiter nach vorne zu bringen und wissenschaftlich zu untermauern.


Kurorte und Heilbäder haben hinsichtlich Integrativer Medizin viel zu bieten. In Bayern haben Sie Heilmittel wie Wasser, Sole, Moor oder heilsamen Wald vor Ort. Die Kurorte und Heilbäder verfügen über die Infrastruktur und das Know-how. Da könnte man mit Blick auf Prävention, und gerade auch Tertiärprävention, doch noch viel mehr draus machen?

Absolut. Wir haben erlebt, dass die Kuren aufgrund der Gesundheitsreform zurückgegangen sind. Aber die Kurorte und Heilbäder stellen sich gut auf, nicht zuletzt mit ihren vielen Rehakliniken. Ich unterstütze das nach besten Kräften, weil ich glaube, dass hier Raum für integrativmedizinische Verfahren und Prävention ist.

„Kneipps Ansatz einer ganzheitlichen Integrativen Medizin, die Körper, Geist und Seele berücksichtigt, ist aktueller denn je.“

Klaus Holetschek, Vorsitzender der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag und früherer bayerischer Gesundheitsminister

VITA Klaus Holetschek

Klaus Holetschek ist seit 2023 Vorsitzender der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag. Von 2021 bis 2023 war er Bayerischer Minister für Gesundheit und Pflege. Der gebürtige Landshuter und ausgebildete Jurist trat 1982 in die CSU ein. Er war von 1998 bis 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages, ehe er bis 2013 Erster Bürgermeister der Stadt Bad Wörishofen wurde. 2006 bis 2020 wurde er zum Vorsitzenden des Bayerischen Heilbäderverbandes gewählt, dessen Ehrenvorsitzender er bis heute ist. Von 2017 bis 2021 war er zudem Präsident des Kneippbundes. Klaus Holetschek setzt sich für eine evidenzbasierte Integrative Medizin ein und hat in Bayern unter anderem drei neue Lehrstühle für Integrative Medizin initiiert.


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