Prof. Dr. med. Jost Langhorst ist seit 2019 Chefarzt der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde am Klinikum am Bruderwald, Sozialstiftung Bamberg, mit 25 stationären Betten, einer Tagesklinik mit 20 Plätzen und einer Praxis für Integrative Medizin und Naturheilkunde. Der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie studierte Humanmedizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der University of California in San Francisco sowie an der Harvard Medical School in Boston (1987-1994) und promovierte 1995. 2008 habilitierte er sich im Fach Naturheilkunde. Er hat einen Lehrstuhl für Integrative Medizin der Universität Duisburg-Essen inne mit Schwerpunkt Translationale Gastroenterologie am Klinikum am Bruderwald in Bamberg.
Foto: Sozialstiftung Bamberg
Integrative Medizin und Naturheilkunde etablieren sich in medizinischen Leitlinien
Prof. Dr. med. Jost Langhorst überzeugt mit Forschungsergebnissen zu Phytopharmaka und Naturheilkunde
Integrative Medizin und Naturheilkunde erfreuen sich einerseits großer Beliebtheit, andererseits wird intensiv an ihrer Erforschung gearbeitet. Es muss ein Anliegen sein, entsprechende Forschungsergebnisse auch in den Leitlinien abzubilden. Denn diese sind die medizinischen Leitplanken für unterschiedliche Indikationen. Hier wird aufgenommen, was auf Basis klinischer Studien Wirksamkeit und Verträglichkeit in der Behandlung nachweisen konnte. Prof. Jost Langhorst, Chefarzt am Klinikum für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg, trägt seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich dazu bei, auch Integrative Medizin und Naturheilkunde hier zu verankern.
Immer mehr Verfahren und Arzneimittel der Integrativen Medizin und Naturheilkunde schaffen den Sprung in die medizinischen Leitlinien. Verantwortlich dafür ist vor allem Prof. Jost Langhorst, Direktor der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde am Klinikum am Bruderwald in Bamberg und Leitlinienbeauftragter der Gesellschaft für Phytotherapie e. V.1 Der Facharzt für Innere Medizin gründete 2011 an der Medizinischen Fakultät der Universität Essen die Arbeitsgruppe „Naturheilkunde und Komplementärmedizin in den Leitlinien“, um Forschungsergebnisse zu diesen Verfahren genau dort abzubilden. Seit den 1990iger Jahren garantieren diese, dass Patienten je nach Erkrankung die Behandlungen erhalten, die sich auf Basis klinischer Studien als wirksam und verträglich erwiesen haben.
„Wir haben nun seit rund 15 Jahren strukturiert an mehr als 40 Leitlinien mitgearbeitet und an Naturheilkunde und komplementärmedizinischen Verfahren eingebracht, was möglich ist“, betont Prof. Jost Langhorst. Beispielsweise gehören dazu Yoga und andere Entspannungsverfahren, Akupunktur, aber auch Ernährungsempfehlungen sowie auch Phytotherapeutika. Entsprechende Präparate mit Heilpflanzen wie etwa der Spezialextrakt EGb 761® aus Ginkgo biloba wird in der Leitlinie zur Behandlung einer leichten bis mittleren Demenz empfohlen, auch häufige Magen-Darm-Erkrankungen können von pflanzlichen Arzneimitteln profitieren. Sie haben sich zudem als nebenwirkungsarm gezeigt, wie aus einer Studie aus dem Jahr 2024 hervorgeht, an der Prof. Jost Langhorst beteiligt war.
Klinische Wirksamkeit und Verträglichkeit
„Viele medizinische Wissenschaftler und auch Praktiker denken bei Naturmedizin vor allem an Grundlagenforschung zu den Wirkmechanismen. Um naturmedizinische Behandlungen in den Therapieleitlinien zu etablieren, braucht es aber auch ‚State-of-the-art‘-Belege für die Wirksamkeit und Verträglichkeit am Patienten aus klinischen Studien für eine bestimmte Indikation“, erläutert Prof. Jost Langhorst. Der Goldstandard dafür sind sogenannte RCTs (Randomized Controlled Trials). Für viele naturmedizinische Wirkstoffe gibt es solche Studien. „Leider werden sie manchmal wissenschaftlich nicht adäquat wahrgenommen und genau darin sehen wir eine unserer Aufgaben innerhalb der Konsensuskonferenz für eine Leitlinie. In der wissenschaftlichen Diskussion der vorliegenden Studienergebnisse zu unterschiedlichen naturmedizinischen Ansätzen im untersuchten Behandlungsbereich gelingt dann auch die Integration in die Leitlinien“, erläutert der Experte die Vorgehensweise.
Phytotherapeutika gewinnen an Einfluss
„Phytotherapeutika gewinnen zunehmend auch an Einfluss bei der Behandlung von gastroenterologischen Erkrankungen. Entsprechend werden sie vermehrt in die entsprechenden medizinischen Leitlinien integriert“, sagt der Gastroenterologe. So werde etwa beim Reizdarmsyndrom (RDS) der Einsatz von Pfefferminzöl „stark empfohlen“, um Schmerzen und Blähungen zu lindern – etwa vier Prozent der deutschen Erwachsenen leiden daran.2 Bei chronischer Obstipation (Verstopfung), eine der häufigsten Beschwerden in Deutschland, gibt es inzwischen die Empfehlung, Ballaststoffe wie Flohsamen einzusetzen. Diese können auch bei Colitis ulcerosa (chronisch-entzündliche Dickdarmerkrankung) dazu beitragen, dass die Symptomfreiheit anhält. Bei Magenkarzinomen gibt es eine offene Empfehlung für den ergänzenden Einsatz von Misteltherapie zur Verbesserung der Lebensqualität.
Integrative Medizin muss weiter akademisiert werden
„Jetzt muss es vor allem darum gehen, mit neuen Studien die nächsten Schritte zu gehen“, betont Prof. Jost Langhorst. Der Mediziner fordert daher, dass Integrative Medizin und Naturheilkunde weiter akademisiert werden: „Wir brauchen mehr Professuren und im besten Fall Lehrstühle mit eigener stationärer Versorgung, wie bei uns am Klinikum in Bamberg oder am Immanuel-Krankenhaus in Berlin.“ Gleichzeitig begrüßt er die Schaffung neuer Lehrstühle für Integrative Medizin an den Universitäten Augsburg, Erlangen und Würzburg in den nächsten Jahren. Diese werden über keine eigenen Betten verfügen, bündeln aber etwa ihr Curriculum zur Ausbildung von Medizinstudenten, die so umfassender als bisher häufig schon im Studium die Einsatzmöglichkeiten von Naturheilkunde und Integrativer Medizin kennenlernen.
Kahlschlag bei Phytopharmaka
Lehre hat ihren Preis, Forschung auch: Vor allem kleinere Unternehmen haben nicht die Mittel, die geforderten leitliniengerechten Studien zu Wirksamkeit und Verträglichkeit für Nachzulassungen auf den Weg zu bringen. „Das hat zu einem echten Kahlschlag geführt“, sagt Prof. Jost Langhorst, „von ursprünglich 20.000 gut etablierten Phytotherapeutika sind daher inzwischen nur noch 1000 am Markt, und nur für vier Indikationen werden Präparate von den Kassen erstattet.“ Bis 2003 sei dies anders gewesen. Das bedeutet zugleich, dass Patienten häufig selbst für die Kosten von pflanzlichen Arzneimitteln aufkommen.
Das Vertrauen in Integrative Medizin ist da, nicht nur von Seiten der Patienten und Behandler, wie Prof. Langhorst betont: „Ich habe kürzlich mit dem medizinischen Dekan einer sehr konservativen Universität in Bayern darüber gesprochen. Er hat gesagt, dass die Integrative Medizin enorm an Seriosität und an Deutungskraft gewonnen hat. Berufspolitisch ist die Bedeutung der Leitlinienarbeit für die Naturheilkunde und Komplementärmedizin deshalb gar nicht hoch genug einzuschätzen.“
Die Leitlinienarbeit von Professor Langhorst
Prof. Dr. Jost Langhorst gründete am Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Essen die Arbeitsgruppe „Naturheilkunde und Komplementärmedizin in medizinischen Leitlinien“, die ab 2012 von der Rut- und Klaus-Bahlsen-Stiftung gefördert wurde. Prof. Langhorst ist mittlerweile Leitlinienbeauftragter der Gesellschaft für Phytotherapie e. V. und der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde. Beide Fachgesellschaften sind Mitgliedsgesellschaften der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich medizinischer Fachgesellschaften (AWMF), die mit der Erstellung von medizinischen Leitlinien in Deutschland betraut ist. „Seit 2011 wurde ein Prozess in Gang gebracht, der die Wahrnehmung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin in den medizinischen Leitlinien grundlegend verändert hat“, wie Prof. Langhorst in einem Artikel für das Fachmagazin „Forschende Komplementärmedizin“ (2016) deutlich gemacht hat. Zu den wichtigsten Nationalen Versorgungsleitlinien, an denen Prof. Langhorst federführend mitgearbeitet hat, zählen u. a. Asthma bronchiale, koronare Herzkrankheit (KHK), arterieller Hypertonus und unipolare Depression. Auch Leitlinien der Gastroenterologie standen im Fokus, z. B. zu Colitis Ulcerosa, Morbus Crohn, Reizdarmsyndrom, Divertikulose/Divertikulitis oder Obstipation.
„Wir haben nun seit mehr als rund 15 Jahren strukturiert an mehr als 40 Leitlinien mitgearbeitet und an Naturheilkunde und komplementärmedizinischen Verfahren eingebracht, was möglich ist. Parallel muss es darum gehen, mit neuen Studien die nächsten Schritte anzugehen.“
Prof. Dr. Jost Langhorst, Direktor der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde am Klinikum am Bruderwald in Bamberg
Vita Prof. Dr. med. Jost Langhorst
Quellen:
1 https://phytotherapie.de
2 https://www.aerzteblatt.de/archiv/230599/S3-Leitlinie-zum-Reizdarmsyndrom-Sicher-diagnostizieren-und-therapieren