An sein Medizinstudium schloss Dr. Sven Schröder eine Ausbildung zum Facharzt in Neurologie an der Charité in Berlin und in Hamburg, dort überwiegend am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), an. Seine TCM-Ausbildung in Akupunktur, Kräuterheilkunde und der chinesischen Massagetechnik Tuina absolvierte er in Deutschland und China. Mehrmonatige Hospitationen bei chinesischen Altärzten in Hangzhou und Shanghai folgten. Nachdem Dr. Schröder ab 2000 eine der großen TCM-Praxen in Hamburg geleitet hatte, übernahm er ab 2010 die Geschäftsführung des damals neu gegründeten TCM-Zentrums am UKE. Am UKE habiliiterte er sich mit dem Thema „Chinesische Medizin in der Neurologie“. Schröder ist zudem Obmann des Deutschen DIN-Ausschusses im internationalen ISO-Prozess zur Standardisierung der TCM und Leiter der Arbeitsgruppe „Qualität und Sicherheit Chinesischer Arzneimittel“.
(Foto: HanseMerkur Zentrum für TCM am UKE)
Integrative Medizin: Taubheit und Schmerzen durch Polyneuropathie mit Akupunktur erfolgreich behandeln
„Verloren geglaubte Nervenfunktionen regenerieren sich“
Taubheit in den Füßen ist eine gefürchtete Folge einer Diabeteserkrankung, doch Integrative Medizin kann Patienten mit einer sogenannten Polyneuropathie erfolgreich Linderung verschaffen. Das hat der Facharzt für Neurologie und TCM-Arzt Privatdozent Dr. Sven Schröder in zwei Akupunktur-Studien gezeigt. Der Geschäftsführer des HanseMerkur Zentrums für Traditionelle Chinesische Medizin am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf (UKE) ist von Integrativer Medizin, also dem Miteinander von Schulmedizin und ergänzend eingesetzten Therapieverfahren, überzeugt – vor allem dort, wo die konventionelle Medizin an Grenzen stösst. Im Interview mit der Initiative „Gesunde Vielfalt“ erläutert er seinen Standpunkt.
Warum engagieren Sie sich für Integrative Medizin?
Als Ärzte wollen wir das Beste aus beiden Welten für unsere Patienten. Wenn man in der Schulmedizin an Grenzen stößt, ist es sinnvoll, bei der Komplementärmedizin zu suchen. Deshalb ist Forschung gerade in der Naturheilkunde wichtig, damit wir belegen können, welche Behandlungsoptionen aus den traditionellen Medizinsystemen wirklich helfen.
Wo sehen Sie Grenzen in der konventionellen Medizin?
Taubheit und Schmerzen in den Extremitäten sind eine häufige Folge von Diabetes. Die konventionelle Medizin stößt hier an eine Grenze: In meinem Fachgebiet, der Neurologie, geht man eigentlich davon aus, dass die Hypästhesie oder Taubheit bei diabetischer Polyneuropathie irreversibel ist und dass verloren gegangene Nervenfunktionen nicht wiederhergestellt werden können. Wir haben aber Belege, dass genau das möglich zu sein scheint. 2021 konnten wir in einer Studie1 mit 180 Probanden mit diabetischer Polyneuropathie belegen, dass Akupunktur nicht nur die Beschwerden lindert, sondern auch die Nervenleitgeschwindigkeiten messbar verbessert. In einer von der Carstens-Stiftung2 geförderten, gemeinsamen Studie mit der Charité konnten wir in Berlin und Hamburg 2023 bestätigen, dass die Patienten von der Therapie profitierten3.
Wie erklären Sie sich das Potenzial der Akupunktur?
Die sogenannten peripheren Nerven in den Armen und Beinen haben natürlicherweise ein Regenerationspotential. Leider ist der Reperaturmechnismus aber oft langsamer als neue Schäden, die etwa durch einen zu hohen Blutzucker entstehen. Wir vermuten, dass wir durch Akupunktur einen starken sensorischen Reiz setzen und Feindurchblutung stark anregen. Das stimuliert das Nervensystem und führt zu einer Regeneration gerade auch der feinen Nervenenden.
Wie schnell tritt dieser Effekt ein?
Voraussetzung ist, dass die Taubheit noch nicht sehr lange besteht und die Polyneuropathie nicht extrem fortgeschritten ist. Wir behandeln ein- bis zweimal die Woche für jeweils 20 Minuten. Manchmal tritt ein Effekt nach den ersten sechs Behandlungen ein, manchmal sogar schneller. Danach sollte man die Akupunktur noch einige Wochen fortsetzen. Außerdem verbinden wir sie mit Empfehlungen zu Ernährung und Bewegung sowie mit Phytotherapie. Ich verordne zusätzlich Arzneipflanzen, die Patienten als Tee einnehmen. Die Chinesische Medizin ist multimodal, besteht also aus verschiedenen therapeutischen Interventionen. Außerhalb von Studien können wir die Therapie sehr stark individualisieren. Da wird geschaut, wie geregelt die Tagesabläufe sind und wie ein Patient mit Stress umgeht. Deshalb fragen wir etwa auch, wie es mit dem Schlaf aussieht oder mit der Verdauung. Und wir betrachten die Zunge der Patienten. Das ist eine Technik, die im Westen verloren gegangen ist. In der Traditionellen Chinesischen Medizin lernt man, sehr viele Informationen über den Gesundheitszustand aus der Krankengeschichte und der Untersuchung z.B. der Zunge herauszulesen, um ein auf den einzelnen Patienten zugeschnittenes Behandlungskonzept zu entwickeln.
Wie langfristig sind die Ergebnisse?
Unsere Beobachtungszeiträume in Studien reichten über drei bis vier Monate. Im klinischen Alltag halten die positiven Effekte dann weitere drei bis sechs Monate an. Wie nachhaltig der Effekt ist, hängt von der Ursache der Polyneuropathie ab. Wenn ein toxisches Medikament aus medizischen Gründen weitergegeben werden muss, oder wenn der Diabetes weiter nicht richtig behandelt wird, kann der Effekt auch nur kurzfristig sein. Daher ist eine Optimierung auch der westlichen Therapie und der Lebensführung – Verbesserung der Ernährung und viel Bewegung – unabdingbar für den Therapieerfolg.
Welche Grenzen der konventionellen Medizin lassen sich mit Komplementärmedizin noch überwinden?
Starke Nebenwirkungen von Medikamenten etwa lassen sich durch Naturheilverfahren reduzieren oder sogar rückgängig zu machen. Zwei Beispiele: Eine Polyneuropathie mit Taubheit in Händen oder Füßen kann auch durch die Medikamente einer Chemotherapie hervorgerufen werden. Diese lässt sich ebenfalls gut mit Akupunktur behandeln4, wie wir in einer Studie belegen konnten: Sowohl Beschwerden als auch Nervenleitgeschwindigkeit besserten sich durch Akupunktur deutlich nach der Chemotherapie5. Leidet jemand an starken Rückenschmerzen, empfiehlt der Orthopäde in der Regel Physiotherapie, Schmerzmittel und Abwarten. Aus unserer Sicht als Integrative Mediziner würden wir zusätzlich versuchen, die Medikamente zu reduzieren, indem wir gegen die Schmerzen Akupunktur und Wärmebehandlungen einsetzen. Denn Arzneimittel wie Ibuprofen schädigen auf lange Sicht die Nieren und belasten die Leber, die sie abbauen muss. Wir sehen immer wieder, dass Patienten Medikamente durch unsere Behandlungen verringern oder ganz weglassen können.
Kann Akupunktur Selbstheilungskräfte anregen?
Ja, auf jeden Fall. Präzise Akupunkturnadeln setzen Mikroreize, die Nerven- und Bindegewebsrezeptoren ansprechen. Akupunktur aktiviert körpereigene Schmerzhemmung und Endorphine, beruhigt über das Nervensystem Stress- und Entzündungsreaktionen und verbessert die Durchblutung. So unterstützt sie die natürliche Selbstregulation und hilft dem Körper, seine Erholungsprozesse zu aktivieren.
Wie reagieren Ihre Patienten auf Akupunktur?
Unsere Patienten nehmen sie sehr gerne an. Sie bemerken nicht nur positive Effekte auf das Nervensystem, ihr Wohlbefinden steigert sich insgesamt. Auch die WHO empfiehlt, traditionelle Medizin mit einzubeziehen, wo es sinnvoll ist. Die Patienten in Deutschland wünschen sich in hohem Maße, mit Naturheilkunde behandelt zu werden. Das haben große Studien gezeigt6.
Woran werden Sie demnächst arbeiten?
Aktuell machen wir gemeinsam mit dem Universitären Cancer Center des Universitätsklinikum Eppendorf (UCCH) eine Studie, die prüft, ob Akupunktur schon während der Chemotherapie einen Effekt hat. Ferner planen wir eine Studie, die untersucht, ob auch Hand- und Fußbäder mit chinesischen Arzneien gegen die Nebenwirkungen der Chemotherapie wirken können. Darüber hinaus planen wir eine Studie, die sowohl in Deutschland als auch in China prüfen soll, ob chinesische Arzneitherapie die Erschöpfung (Fatigue) nach Chemotherapie lindern kann.
„Wir wollen das Beste für unsere Patienten. Wenn man in der Schulmedizin an Grenzen stößt, ist es sinnvoll, bei komplementären Verfahren der Integrativen Medizin zu suchen.“
Privatdozent Dr. Sven Schröder, Facharzt für Neurologie, TCM-Arzt und Geschäftsführer des HanseMerkur-Zentrums für Traditionelle Chinesische Medizin am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf
Vita Privatdozent Dr. Sven Schröder
Quellen:
1 https://bmcneurol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12883-018-1037-0 und
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1753-0407.13130
2 https://www.carstens-stiftung.de
3 https://www.mdpi.com/2077-0383/12/6/2103
4 Molassiotis A, Suen LKP, Cheng HL, Mok TSK, Lee SCY, Wang CH, Lee P, Leung H, Chan V, Lau TKH, Yeo W. A Randomized Assessor-Blinded Wait-List-Controlled Trial to Assess the Effectiveness of Acupuncture in the Management of Chemotherapy-Induced Peripheral Neuropathy. Integr Cancer Ther. 2019 Jan-Dec;18:1534735419836501.
https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Komplement%C3%A4r/Version_2/LL_Komplement%C3%A4rmedizin_Langversion_2.0.pdf
5 www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0944711322003737?via%3Dihub
6 Jeitler M, Ortiz M, Brinkhaus B, Sigl M, Hoffmann R, Trübner M, Michalsen A, Wischnewsky M, Kessler CS. Use and acceptance of traditional, complementary and integrative medicine in Germany-an online representative cross-sectional study. Front Med (Lausanne). 2024 Mar 13;11:1372924