Dr. Marc Werner ist seit 2021 Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte (KEM), wo er zuvor seit 2010 als Assistenz- und Oberarzt tätig war. Er absolvierte sein Medizinstudium ebenfalls in seiner Heimatstadt Essen an der Universität Essen sowie an der Università degli Studi di Siena/Italien und schloss 2010 seine Facharztausbildung für Innere Medizin ab. Dr. Marc Werner verfügt über Zusatzausbildungen in Notfallmedizin, Naturheilverfahren, Akupunktur, Physikalischer Medizin, Chirotherapie und Spezieller Schmerztherapie sowie Ärztlicher Osteopathie.
(Foto: KEM/Evang. Kliniken Essen-Mitte gGmbH)
„Wir wollen Integrative Medizin in die Regelversorgng bringen!“
Vier Standorte, eine Studie: Einmaliges Forschungsvorhaben zur Naturheilkunde in Deutschland
Das hat es so noch nicht gegeben: Erstmals haben sich drei große Kliniken für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Berlin, Bamberg und Essen zusammengeschlossen, um mit wissenschaftlicher Unterstützung der Universität Tübingen eine integrative-naturheilkundliche Therapie Im Hinblick auf Wirksamkeit, Sicherheit und Kosteneffizienz zu untersuchen. Die Studie MINERVA soll den Weg bereiten, diese Integrative Medizin in die medizinische Regelversorgung aufzunehmen. Wie das gelingen soll, was gerade bei chronischen Krankheiten für Naturheilverfahren spricht und wie das Gesundheitssystem entlastet wird, wenn Menschen zu aktiven Gestaltern ihrer Gesundheit werden, erklärt Dr. Marc Werner im Gespräch mit der Initiative „Gesunde Vielfalt“. Der Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte verantwortet die Umsetzung der Studie am Standort Essen.
Dr. Werner, gemeinsam mit drei namhaften deutschen Professoren für Naturheilkunde wollen Sie Naturheilverfahren und damit Integrative Medizin in die Regelversorgung bringen. Ein großes Ziel. Wie ist es dazu gekommen?
Unser Gesundheitssystem ist in eine Not- und Schieflage geraten. Das System wird immer teurer, wobei immer mehr Geld für Pharmakologie und Operationen eingesetzt wird und immer weniger für eine menschlich präsente Medizin zur Verfügung steht. Damit die Menschen langfristig gesünder sind, braucht es neben der modernen Pharmakologie und den fortschrittlichen Operationen besonders Eigenverantwortung und Vermittlung von Gesundheitskompetenz. Mehr als zwei Drittel der Deutschen1 wünschen sich eine Integrative Medizin, also die gemeinsame Versorgung aus konventioneller Medizin und komplementären Ansätzen wie Naturheilkunde. Diese vermittelt ihnen besonders gut, was sie selbst tun können, um gesund zu bleiben – und das schafft mehr Zufriedenheit. Eine aktuelle Studie belegt, dass die Unzufriedenheit der Deutschen mit dem Gesundheitssystem wächst und wächst2. Diese Notlage hat uns zusammengebracht und unser Studienvorhaben erst ermöglicht.
Wer ist an dem Projekt beteiligt?
Das sind einige der bedeutendsten naturheilkundlichen Experten, die wir in Deutschland haben: Prof. Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus und Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité in Berlin. Prof. Jost Langhorst ist Chefarzt der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde am Klinikum am Bruderwald, Sozialstiftung Bamberg, und engagiert sich seit langem dafür, die Phytotherapie in die Medizinischen Leitlinien zu bringen. Prof. Holger Cramer ist Professor für die Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren am Universitätsklinikum Tübingen, wissenschaftlicher Leiter des Robert Bosch Centrums für Integrative Medizin und Gesundheit in Stuttgart und ein profilierter Statistiker. Zusammen mit PD Dr. Michael Jeitler koordiniert er das Projekt. Ich selbst bin Chefarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte, wo wir seit mehr als 25 Jahren evidenzbasierte naturheilkundliche Verfahren anwenden und enorm viel praktische Erfahrung gesammelt haben. Gemeinsam bündeln wir die Expertise aus vier Bundesländern in einem Schulterschluss der Naturheilkunde, wie er in Deutschland einmalig ist. Dabei unterstützt werden wir federführend von der Carstens-Stiftung3.
Ihre gemeinsame MINERVA-Studie ist in der Datenerhebung auf drei Standorte verteilt. Was genau haben Sie vor?
Unsere multizentrische Studie läuft seit Juli 2025 für insgesamt eineinhalb Jahre. Wir möchten mehr als 2000 Patienten einschließen. Jeder, der stationär bei einer der beteiligten Kliniken aufgenommen wird, bekommt angeboten, an der Studie teilzunehmen. Unser Ziel ist es, die sogenannte naturheilkundliche Komplextherapie systematisch zu evaluieren: Dazu gehören Therapieansätze im Rahmen des stationären Aufenthaltes wie etwa Bewegungstherapie, Ordnungs- und Ernährungstherapie. Die Studie soll die Effekte der naturheilkundlichen Komplextherapie erfassen, zur Weiterentwicklung der Qualität der stationären Versorgung beitragen und potenzielle Ergänzungen der stationären Naturheilkunde im Gesundheitssystem analysieren.
Was bedeutet der Name MINERVA?
Es ist ein Akronym und steht für multizentrische, integrative, naturheilkundliche Erforschung der Versorgung in Akutkliniken. Wobei das Wort Akutkliniken die Versorgungsform beschreibt, wir behandeln überwiegend chronische Erkrankungen, sehr häufig mit akuter Verschlechterung. Ich selbst bin ein Fan antiker Gottheiten – und Minerva als Göttin der Weisheit schien mir hervorragend zu passen.
Welche Erkrankungen stehen bei der Studie im Fokus?
Alle chronischen Erkankungen, die wir an den drei Standorten stationär behandeln. Ein besonderer Fokus liegt auf Schmerzerkrankungen, die auf chronischen Verschleiß zurückgehen (Arthrose) oder entzündlich bedingt sind (Rheuma). Häufig stehen dabei obere oder untere Rückenschmerzen im Fokus. Aber auch Migräne oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen werden behandelt. Häufig gibt es belastende Begleiterscheinungen wie Erschöpfung und Angsterkrankungen, die mit diesen Erkrankungen einhergehen.
Welche naturheilkundlichen Therapiebausteine sind vorgesehen?
Dazu gehören die klassischen Naturheilverfahren wie Hydro- und Thermotherapie inklusive Bädern und Wickeln, Pythotherapie mit ärztlich verordneten Heilpflanzen, Bewegungstherapie wie Wassergymnastik und Qi Gong, Ernährungstherapie mit einem großen Fokus auf Fastentherapie, Ordnungstherapie mit Beratungen zum Lebensstil und sinnvollen Änderungen sowie Mind-Body-Medizin, die unter anderem mit Achtsamkeits- und Entspannungsverfahren die Selbstfürsorge fördert. All diese sogenannten komplementärmedizinischen Verfahren sehe ich als dritte Säule einer modernen Medizin – eben neben Operationen und Pharmakotherapie. Hiermit ließen sich Kosten sparen und Nebenwirkungen vermeiden. Viele unserer Patienten sagen, sie hätten schon alle herkömmlichen Medikamente gegen ihre Schmerzen genommen, was nicht geholfen hätte, aber sie würden zusätzlich unter Nebenwirkungen leiden.
MINERVA soll zeigen, was integrativmedizinische Therapieformen gerade bei chronischen Erkrankungen leisten können. Könnten Sie das konkretisieren?
Chronische Erkrankungen haben immer etwas damit zu tun, wie ein Mensch lebt, wie er denkt, wie er sich verhält. Ich frage mich tatsächlich, wie wir auf die Idee gekommen sind, dass es keinen Einfluss auf unsere Gesundheit hat, wie wir uns verhalten. Und dass sich der ,Scherbenhaufen‘ mit chemisch-synthetischen Medikamenten aufräumen ließe. So funktioniert weder Medizin noch ein gesundes Leben. Selbstverständlich sind moderne Therapien lebensrettend und notwendig. Ein Diabetiker etwa, der vom Insulin abhängig ist, wäre früher gestorben. Heute kann er mit einer modernen Pharmakotherapie ein ganz normales Leben führen. Das ist segensreiche moderne Medizin. Und darüber hinaus: Wenn er sein Leben umstellt, senkt er den Insulinbedarf und seine Lebensqualität steigt. Die großen Zivilisationserkrankungen unserer Zeit wie Depressionen, Demenz, Herzkreislauferkrankungen, Arthrose an vielen Gelenken oder eben Diabetes gehen zudem alle mit schleichenden, entzündlichen Prozessen einher. Diese aber können wir fundamental dadurch beeinflussen, wie wir uns ernähren, in welchem Umfang wir uns bewegen und mit Stress umgehen. Wir möchten mit MINERVA zeigen, dass eine naturheilkundlich-integrative Komplextherapie bei zahlreichen chronischen Erkrankungen eine Lösung ist für eine bestehende Versorgungslücke.
Als Teil der integrativmedizinischen Therapie geben Sie den Menschen Methoden an die Hand, damit sie selbst Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen können. Warum ist das sinnvoll?
Der Mensch soll Teil der Lösung sein dürfen, und ich würde noch weitergehen: Er muss Teil der Lösung sein. Nur so lässt sich ein wirklich guter Effekt erzielen, und zusätzlich ist das notwendig, damit das Gesundheitssystem bezahlbar bleibt. Das ist ja das, was die Patienten bei uns erleben. Einige Beispiele: Wenn Patienten eine Entspannungsübung machen, können sie machmal eine Migräne-Attacke aufhalten. Gehen sie spazieren, spüren sie, wie Energie zurückkommt. Wenn sie sich gesünder ernähren, bessert das die Stimmung, weil es über die sogenannte Darm-Hirn-Achse eine Verbindung zwischen Bauch und Kopf gibt. Diese Berichte von Patienten werden von großen Studien bestätigt. Gesundheitskompetenz zu vermitteln steht neben der Anwendung von naturheilkundlichen Therapien im Zentrum des integrativ-medizinischen Konzepts.
Die Studie beruht auf Fragebögen, die Patienten ausfüllen?
Genau. Sobald sie zu uns auf die Station kommen, füllen sie für eine Statuserhebung schon den ersten von mehreren Fragebögen aus. Außerdem werten wir Einzelinterviews aus: Wie nehmen die Menschen die Versorgungsqualität wahr, wie ist die Kommunikation und Interaktion mit dem medizinischen Personal, wie beeinflussen individuelle Erfahrungen der Patienten ihren Umgang mit ihrer Erkrankung, wie wirken sich die Interventionen in der Klinik auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität aus, welche Erwartungen und Bedürfnisse haben die Studienteilnehmer an die Behandlung und wie gut lässt sich das Erlernte später in den eigenen Alltag integrieren? Integrativmedizin möchte die Menschen ernstnehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen.
Wann rechnen Sie mit den ersten Ergebnissen?
Die abschließende Analysephase wird sicher drei bis vier Jahre dauern. Aber: Wir hoffen, dass wir in eineinhalb bis zwei Jahren schon erste Zwischenergebnisse haben. Denn während der Zeit bei uns füllen die Patienten weitere Fragebögen aus und dann später nach drei, sechs und zwölf Monaten. Wir wollen vor allem wissen, wie es ihnen nach drei Monaten geht, wie hat sich die Lebensqualität nach dem Klinikaufenthalt verändert? Und dann wollen wir ein Jahr später nochmal hoffentlich viele erreichen und fragen: Wie geht es Ihnen nach zwölf Monaten? Wie sieht es mit Schmerzen aus? Wie ist Ihr Umgang mit Stress? Wir hoffen natürlich, dass die verbesserte Lebensqualität anhält, die Menschen weniger oft beim Arzt sind und weniger Arbeitsunfähigkeitstage haben.
MINERVA soll also neben der Wirksamkeit von Integrativer Medizin auch deren Kosteneffizienz zeigen?
Selbstverständlich. Die klinische Erfahrung zeigt uns, dass integrativmedizinisch versorgte Menschen weniger medizinische Leistungen in Anspruch nehmen – genau diese Beobachtung wollen wir nun wissenschaftlich untersuchen.
Was macht Sie zuversichtlich, damit den Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA zu überzeugen, der ja entscheidet, ob ein Verfahren in die Regelversorgung übernommen wird?
Im Ruhrgebiet lieben wir pragmatische Lösungen: Wir sind überzeugt, dem G-BA dafür gute Ergebnisse präsentieren zu können, die zeigen, warum Naturheilkunde und Integrative Medizin von Vorteil sind, für die Menschen und gesundheitsökonomisch. Die Grundidee ist sehr einfach: Wir wissen aus eigener Erfahrung und aus schon vorhandenen Studien, dass unsere Methoden funktionieren. Jetzt wollen wir in größerem Stil nachweisen, dass dem so ist, dies publizieren und es so in die Regelversorgung bringen.
Was begeistert Sie selbst als Internist und naturheilkundlicher Arzt an Integrativmedizin?
Wir können so viel bewegen! Wir haben die Möglichkeit, das Leben der Menschen zum Positiven zu verändern. Weil die Menschen nicht einfach nur als Nummer behandelt werden, sondern wir uns als Partner betrachten. Wir machen Medizin gemeinsam mit den Patienten. So sollte es sein.
„Wir möchten zeigen, dass eine naturheilkundlich-integrative Komplextherapie bei zahlreichen chronischen Erkrankungen eine Lösung für eine bestehende Versorgungslücke ist.“
Dr. Marc Werner, Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evang. Kliniken Essen-Mitte (KEM)
Vita Dr. Marc Werner
Quellen:
1 www.hufelandgesellschaft.de/integrative-medizin/zahlen-fakten
2 www.tk.de/presse/themen/gesundheitssystem/gesundheitspolitik/unzufriedenheit-sofortprogramm-2201328?tkcm=ab
3 https://www.carstens-stiftung.de/index.html