Integrative Medizin unterstützt Menschen mit Krebs und anderen chronischen Erkrankungen nachhaltig

© RBK/Christoph Schmidt

Verbesserte Lebensqualität, Linderung von Beschwerden und Stärkung persönlicher Ressourcen durch Lebensstilveränderung

Chronische Erkrankungen, einschließlich Krebs, gehen oft mit starken therapeutischen Nebenwirkungen und psychischen Belastungen einher. Naturheilkundliche Verfahren und Ansätze der Mind-Body-Medizin können diese Beschwerden lindern, die Lebensqualität deutlich verbessern und die eigenen Ressourcen der Patienten stärken. Das Kompakt-Mind-Body-Medizin-Programm am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart ist ein zentraler Bestandteil des dortigen Angebots. Es unterstützt Betroffene in allen Phasen ihrer Erkrankung, wie Dr. Marcela Winkler, die ärztliche Leiterin der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin, berichtet. Ein Beitrag zum Weltkrebstag 2026.

Frau Dr. Winkler, Ihre Integrativmedizinische Sprechstunde am Robert Bosch Krankenhaus ist auf Monate hinaus ausgebucht. Wie erklären Sie sich diese starke Nachfrage?

An uns wenden sich vor allem Menschen mit Krebsleiden, aber auch Patienten mit anderen chronischen Erkrankungen. Viele haben ein starkes Bedürfnis nach Linderung von Beschwerden, sei es durch die Erkrankung selbst oder durch Nebenwirkungen der Therapie. Sie wünschen sich, aktiv an ihrem Genesungsprozess mitzuwirken und nicht das Gefühl zu haben, der Situation ausgeliefert zu sein. Darüber hinaus möchten sie eine ganzheitliche Betreuung oder zumindest fundierte Informationen über ergänzende Ansätze erhalten. Es kommt oft vor, dass gerade Krebspatienten nach der Therapie nicht mehr so arbeitsfähig sind wie zuvor. Auch die Lebensumstände haben sich verändert. Sie fallen gewissermaßen in ein Loch, weil sich niemand für sie zuständig fühlt. Da ist tatsächlich eine Lücke in unserer herkömmlichen Versorgung. In einer palliativen Situation erleben Patienten zudem oft, dass ihnen gesagt wird: ,Sie sind austherapiert, gehen Sie zum Sterben nach Hause.‘ Doch auch in dieser Phase wollen Patienten ernst genommen und gehört werden. Sie wollen Möglichkeiten erhalten, selbst aktiv zu bleiben, sei es durch Linderung von Beschwerden oder das Erlernen von Akzeptanz und Loslassen. Egal, wie kritisch die Situation ist, man kann mit den Patienten ganz offen darüber sprechen. Die Integrative Medizin kann hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Es geht also um eine Begegnung und Behandlung auf Augenhöhe?

Genau. Integrative Medizin bietet für mich die wunderbare Möglichkeit, Patienten wirklich auf Augenhöhe zu begegnen und dabei zwei Welten zu vereinen. Sie verbindet die konventionelle Therapie mit einer wissenschaftlich fundierten, evidenzbasierten Naturheilkunde. So können wir Patienten eine Besserung der Lebensqualität, eine Linderung von Beschwerden und Nebenwirkungen, etwa durch die Chemotherapie, und eine Stärkung ihrer eigenen Ressourcen anbieten.

Wie können Sie Menschen helfen, Beschwerden zu lindern?

Wir setzen nicht nur naturheilkundliche Verfahren ein, sondern schulen die Patienten auch darin, wie sie sich damit selbst helfen können. Das ist sehr wichtig, denn es stärkt ihre Selbstwirksamkeit. Die Patienten fühlen sich dadurch wieder aktiver eingebunden und müssen nicht nur passiv auf eine Behandlung warten. So bewahren sie ihre Selbstständigkeit oder gewinnen sie zurück.

Viele Krebspatienten leiden unter Übelkeit. Was können Sie ihnen an die Hand geben?

Aus der Traditionellen Chinesischen Medizin ist ein Akupunkturpunkt an der Innenseite des Unterarms bekannt, der sogenannte Perikard 6 (Pe 6). Wir schulen die Patienten, wie sie diesen Punkt selbst finden können. Durch sanften Druck oder Massage können sie diesen Punkt stimulieren, was besonders während der Chemotherapie oft die Übelkeit verringert. Oder wir empfehlen ein ,Sea-Band‘, das es in der Apotheke gibt und auch bei Schwangerschaftsübelkeit oder Seekrankheit eingesetzt wird. Dieses Gummiband hat einen Knopf, der am Unterarm auf den Pericard 6 gelegt wird, quasi als Dauer-Akupressur. Eine weitere Möglichkeit ist die medizinische Aromatherapie. Die Patienten bekommen einen kleinen Aroma-Inhalator, eine Art Stick, mit Zitronen-, Ingwer- oder Pfefferminzöl, je nachdem, wie stark die Übelkeit ist. Daran können die Patienten einfach 30-60 Sekunden lang riechen und den Stick wieder zuklappen, wenn die Übelkeit vorbei ist.

Wie hilft Integrative Medizin diesen Menschen darüber hinaus?

Viele Krebspatienten haben Angst, leiden unter kreisenden Gedanken, Schlafstörungen, Problemen mit dem Kreislauf oder an Appetitlosigkeit. Mit naturheilkundlichen Verfahren unterstützen wir sie dabei, innerlich mehr Ruhe zu finden. Dazu gehören unter anderem Entspannungsübungen und Stressregulation durch Akupunktur nach dem ,NADA-Protokoll‘: Ursprünglich werden beide Ohren mit je fünf Nadeln akupunktiert. Wir zeigen den Patienten, wie sie die entsprechenden Punkte selbst drücken können. Die Patienten erlernen diese verschiedenen Verfahren und können dann viel besser mit belastenden Gefühlen und Schwierigkeiten umgehen. Darüber hinaus können wir während der Therapie den Patienten helfen, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Hautveränderungen, polyneuropathische Beschwerden zu lindern oder Symptome des Fatigue-Syndroms.

Was empfehlen Sie Patienten, die besonders unter dem Fatigue-Syndrom leiden?

In erster Linie Bewegung. Bewegung wird auch in der S3-Leitlinie ,Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patientinnen und Patienten‘ als Soll-Empfehlung genannt. Ich sage absichtlich Bewegung und nicht Sport. Sport klingt ein wenig nach Druck, und dass man dafür irgendwo hingehen muss. Nein, man kann sich auch zu Hause bewegen. Empfohlen sind 30 Minuten am Tag – und das jeden Tag. Wie genau diese Bewegung aussieht, hängt individuell von jedem Patienten und seiner körperlichen Verfassung ab. Darüber hinaus empfehlen wir weitere Methoden, die sich in der Praxis bewährt haben, wie Qigong, Yoga und Akupressur oder Akupunktur. Gerade Akupressur ist hierbei besonders einfach anwendbar: Es handelt sich um eine Reihe von neun Punkten, die von den Patienten selbst gedrückt werden. Studien haben gezeigt, dass Patienten dadurch eine Besserung des Fatigue-Syndroms erleben können. Die Akupressur fungiert dabei auch als Brücke, um mehr Antrieb zu haben.

Gerade für Krebserkrankungen und Integrative Medizin liegt inzwischen Evidenz vor. Auf welche Krebserkrankungen bezieht sich diese?

Die genannte S3-Leitlinie enthält Empfehlungen für alle onkologischen Erkrankungen, insbesondere auch für Brustkrebs-Patientinnen. Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) hat für das Mammakarzinom ein eigenes Kapitel zu komplementärer und integrativer Medizin erstellt, das umfassende und spezifische Leitlinien für diese Patientengruppe bietet. Zudem gibt es in den USA die Leitlinien der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (ASCO) zusammen mit der Gesellschaft für Integrative Onkologie (SIO). Gemeinsam haben sie bisher vier symptomorientierte Leitlinien publiziert: bei Fatigue-Syndrom, Schmerzen, Depressivität und Angst. Da bewegt sich derzeit zum Glück viel für onkologischen Patienten, und wir hoffen, dass das fortgesetzt wird. Leitlinien und Empfehlungen sind eine große Unterstützung für Kollegen und Patienten.

Es gibt eine Kann-Empfehlung für Homöopathie zur allgemeinen Verbesserung der Lebensqualität bei Krebserkrankungen und zwei Sollte-Empfehlungen für Akupunktur bei Gelenkschmerzen durch Chemotherapie und Tumorschmerzen Sie selbst setzen auch Phytotherapie ein. Wie ist Ihre Erfahrung damit?

Es gibt mehrere Kann-Empfehlungen in der Phytotherapie, wie zum Beispiel für Ingwer bei Übelkeit und Erbrechen. Bei Wechseljahrsbeschwerden von Brustkrebspatientinnen wie etwa Hitzewallungen und Nachtschweiß kann Traubensilberkerze (Cimicifuga Racemosa) hilfreich sein. Auch Ginseng wird erfolgreich zur Behandlung des Fatigue-Syndroms eingesetzt. Das hat sich auch bei uns bestätigt. Zudem nutzen wir auch Verfahren, die nicht in die Leitlinie integriert worden sind, mit denen wir über Jahre aber gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen das: ,interne Evidenz‘. Wir haben dafür das Ampelsystem des MSKCC (Memorial Sloan Kettering Cancer Center) übernommen, bei dem wir streng prüfen, dass kein Risiko für Patienten besteht und dass die Aussicht auf Erfolg groß ist. Nur wenn beide Kriterien im grünen Bereich liegen, entscheiden wir uns für den Einsatz der Methode.

Was gehört zum Beispiel dazu?

Ein Beispiel sind etwa Lavendel-Herz-Auflagen bei Schlafstörungen. Obwohl es dazu noch keine Studie gibt – diese planen wir erst – ist das Risiko für die Patienten sehr gering. Vorausgesetzt, Allergien wurden ausgeschlossen. Viele Menschen berichten, dass mit dieser einfachen Methode ihre Ängste und kreisenden Gedanken nachließen und sie wieder besser schlafen können. Ein großartiges Beispiel sind die positiven Rückmeldungen von Kollegen, die zunächst skeptisch gegenüber naturheilkundlichen Ansätzen wie Lavendel- und Rosen-Herz-Auflagen waren. Nach drei oder vier Jahren der Zusammenarbeit mit unserer Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin haben viele ihre Haltung geändert.

Apropos Zusammenarbeit mit ärztlichen Kollegen: Sie leiten die Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Robert Bosch Krankenhaus, haben aber keine eigenen Betten. Wie gut ist das Miteinander mit den anderen Fachabteilungen im Haus?

Wir als Fachabteilung leisten einen ergänzenden und unterstützenden Beitrag für alle andere Fachabteilungen des Hauses. Es ist sinnvoller, keine eigenen Betten zu haben, sondern über das gesamte Krankenhaus verteilt zu arbeiten. So können wir gezielt dort präsent sein, wo die Patienten uns am meisten brauchen. Wir arbeiten sehr gut interdisziplinär zusammen, weil unser Angebot zunehmend als positiv, ergänzend und hilfreich für die Patienten angesehen wird. Wir empfehlen uns gegenseitig und behandeln unsere Patienten gemeinsam: zum Beispiel Patienten mit chronischen Darmerkrankungen, mit Schmerzen, mit Herzrhythmusstörungen oder Angstzuständen nach einem Herzinfarkt. Auf den Stationen begleiten wir täglich rund 50 Patienten in allen Abteilungen. Zusätzlich haben wir eine Ambulanz, die von vielen Hausärzten, Onkologen oder etwa Gynäkologen empfohlen wird. Andere Patienten finden uns durch Online-Recherche.

Werden die Kosten für diese integrativmedizinische Begleitung übernommen?

Im stationären Bereich wird unser Angebot allen Patienten, die es wünschen und bei denen eine entsprechende Indikation vorliegt, zur Verfügung gestellt. Im ambulanten Bereich haben wir einen Sondervertrag mit der AOK und der Bosch BKK, der die Kosten für Patienten mit einer entsprechenden Diagnose abdeckt. Privatkassen übernehmen in der Regel alle fachärztlichen Beratungen sowie einige Behandlungen.

Zusätzlich bieten Sie ein ,Kompaktprogramm‘ an, wie sieht das aus?

Zu unserem Kompaktprogramm gehören unter anderem Ernährung bei Krebs, Bewegung, Entspannung, Phytotherapie, Hydrotherapie nach Kneipp und Verhaltenstherapie bei Angst und depressiven Symptomen sowie naturheilkundliche Selbsthilfestrategien und Methoden der Mind-Body-Medizin. Die Patienten nehmen daran elf Wochen lang einmal wöchentlich für sechs Stunden teil. Wir bieten acht bis zehn Programme pro Jahr an, mit jeweils zehn Patienten pro Gruppe. Damit bestärken wir diese darin, dauerhaft einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu entwickeln, ihre Ressourcen zu stärken und ihre Gesundheit eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen. Das geht direkt nach der Diagnose, während der Chemotherapie oder auch noch ein, zwei oder drei Jahre danach.

Was ist die Grundlage für Ihr Kompaktprogramm?

Es beruht auf dem ,Essener Modell‘, das Prof. Gustav Dobos vor 25 Jahren an den Kliniken Essen-Mitte etabliert hat. Am Robert Bosch Krankenhaus bieten wir es seit sieben Jahren an. Das Programm beruht auf einer konzeptionell und inhaltlich innovativen Ausgestaltung, die in Deutschland einzigartig ist. Es wird von einem multidisziplinären Team unter ärztlicher Leitung durchgeführt und gezielt auf die individuelle, krankheitsbedingte und psychosoziale Situation des Patienten zugeschnitten. Das Programm kombiniert theoretische und praktische Aspekte aus den Bereichen Ernährung, Bewegung, Krankheitsbewältigung und Ordnungstherapie. Eine strukturierte Schulung vermittelt den Patienten wertvolle Strategien zur Verbesserung ihrer Lebensqualität und zur Förderung eines gesundheitsförderlichen Lebensstils.

Was sagen Studien über die Wirksamkeit aus?

Die Kompaktprogramme der Mind-Body-Medizin (MBM) werden durch die Evidenz gestützt, dass sie die Lebensqualität erheblich verbessern, Stress reduzieren, Schmerzen und Schlafprobleme lindern und ein ganzheitliches Wohlbefinden fördern. Diese Vorteile bestätigen die zentrale Rolle der MBM als effektive Ergänzung zur konventionellen Medizin und im Umgang mit chronischen Erkrankungen, insbesondere in der Onkologie und bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einen bedeutenden Beitrag zu diesen Erkenntnissen hat Prof. Holger Cramer, der wissenschaftliche Leiter unseres Centrums für Integrative Medizin und Gesundheit (RBIM), durch seine Forschungen dort geleistet1. Die enge Verzahnung von klinischer Versorgung und wissenschaftlicher Arbeit bietet eine herausragende Grundlage, um neue Therapiekonzepte zu entwickeln, zu validieren und nachhaltig in die medizinische Versorgung zu integrieren.

Dennoch nehmen, wie Sie sagen, nur rund 100 Patienten pro Jahr an Ihrem Kompaktprogramm teil. Wie kommt das?

Für uns ist das schon viel, denn leider ist die Finanzierung ein großes Problem. Von den gesetzlichen Krankenkassen erstatten nur die AOK und die Bosch BKK hier in Baden-Württemberg die Kosten und das auch nur für Patienten mit einer Krebsdiagnose. Im Gegensatz dazu übernehmen alle Kassen die Kosten des Kompaktprogramms, das die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evangelischen Kliniken Essen-Mitte (KEM) anbietet, und das sowohl für onkologische Patienten als auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Seit etwa 25 Jahren bestehen entsprechende Vereinbarungen, die je nach Bundesland unterschiedlich sind und somit keine einheitliche Regelung auf Bundesebene darstellen. Das macht für uns einen deutlichen Unterschied. Über unsere eigenen Studien können wir zusätzlich Patienten einschließen. Natürlich könnten es viel mehr Menschen sein, wenn die Kassen die Kosten übernähmen. Ich habe Patientinnen hier gehabt, die mit Tränen in den Augen gesagt haben: ,Wenn ich Sie und das ganze Team nicht gehabt hätte und die Möglichkeit, am Kompaktprogramm teilzunehmen, wäre mein Leben anders.‘ Sehr viele der positiven Rückmeldungen im Haus und sehr viel Lob, das wir bekommen, ist von Patienten, die am Kompaktprogramm teilgenommen haben. Wir helfen ihnen damit, einen Weg zu finden, ihr Leben selbst wieder in den Griff zu bekommen.

Woran scheitert die Kostenübernahme bei anderen gesetzlichen Kassen?

Insgesamt wird die Kostenübernahme für Maßnahmen der Integrativen Medizin, beziehungsweise der Komplementärmedizin, bisher nur sehr wenig berücksichtigt. Trotz des wachsenden Interesses und der positiven Resonanz von Patienten und medizinischen Fachkräften fehlt es an einem systematischen Ansatz, um diese therapeutischen Verfahren flächendeckend zu fördern. Eine stärkere Unterstützung durch die gesetzlichen Krankenkassen wäre ein entscheidender Schritt, um diese Lücke zu schließen und integrative Ansätze für mehr Patienten zugänglich zu machen.

Welche Forderung haben Sie an die Politik, gerade vor diesem Hintergrund?

Die Politik sollte kosteneffiziente und evidenzbasierte Angebote wie unser Kompaktprogramm stärker in die Regelversorgung integrieren. Unterstützende Maßnahmen der Sekundär- und Tertiärprävention, wie die Mind-Body-Medizin, sind vergleichsweise günstig, nebenwirkungsarm und haben das Potenzial, langfristig nicht nur die Lebensqualität der Patienten zu verbessern, sondern auch unnötige Kosten im Gesundheitssystem zu reduzieren2. Eine flächendeckende Einführung solcher Programme könnte etwa im Rahmen von Pilotprojekten gefördert werden, um ihre Wirksamkeit und ihren Nutzen noch weiter zu evaluieren und zu dokumentieren.

Sie wollten schon als Kind Ärztin werden und haben dann im Studium gemerkt, dass sie einen anderen Weg einschlagen möchten als die klassische Schulmedizin. Was hat Sie bewogen?

Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich bei meinem Kinderarzt in der Sprechstunde war und dachte, ich will so werden wie er. Denn er hat mir nicht nur etwas für meine akuten Probleme verschrieben, sondern mich als ganzen Menschen betrachtet. Er wollte mehr über meine allgemeine Befindlichkeit wissen und hat die Situation offen und freundlich mit mir und meiner Mutter besprochen. Dieses einfühlsame und ganzheitliche Vorgehen hat mich tief geprägt und meinen Wunsch bestärkt, Ärztin zu werden. Während meines Studiums habe ich jedoch gemerkt, dass viele Patienten – zum Beispiel mit Bluthochdruck – lediglich ein Medikament erhielten, ohne dass ihre Lebensumstände oder die zugrunde liegenden Ursachen berücksichtigt wurden. Das erschien mir unzureichend. Durch eine Kollegin kam ich zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), die mir eine völlig neue Perspektive eröffnet hat. Dadurch wurde mir klar, dass die konventionelle Medizin und die Naturheilkunde sich nicht ausschließen, sondern sich ergänzen können. Es geht darum, den Menschen ganzheitlich zu betrachten und individuell zu entscheiden, wann welche Ansätze sinnvoll sind.

Ihre eindrücklichste Erfahrung mit Integrativer Medizin?

Da fällt mir vieles ein. Ein besonders eindrucksvoller Fall war eine junge Patientin mit Rheuma, die im Rollstuhl saß. Sie erzählte mir, dass Rheumatologen ihr 20 Jahre zuvor, kurz nach der Diagnose, prognostiziert hatten, sie würde im Rollstuhl enden. Ich fragte sie: ,Haben Sie das geglaubt?‘ Nach zwei Jahren Behandlung mit Akupunktur, Ernährungs- und Lebensstilumstellung sowie der Fortsetzung der konventionellen Therapie inklusive Psychotherapie, konnte sie den Rollstuhl verlassen und wieder laufen. Keinen Marathon, aber sie konnte gehen. Ich habe mit ihr über diesen Satz gesprochen, der für sie innerlich zu einem Gesetz geworden war. Das war ein großartiges Beispiel dafür, wie Integrative Medizin buchstäblich neue Wege eröffnen kann.

„Integrativmedizinische Mind-Body-Medizin-Kompaktprogramme sollten gefördert werden, da sie helfen, Kosten im Gesundheitssystem zu reduzieren.“

Dr. Marcela Winkler, ärztliche Leiterin der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Robert Bosch Krankenhaus

Vita Dr. med. Maria Marcela Winkler, Fachärztin für Allgemeinmedizin

Dr. med. Maria Marcela Winkler studierte Humanmedizin an der Universität „El Bosque“ in Bogotà/Kolumbien. Sie erwarb Zusatzbezeichnungen für Naturheilverfahren, darunter in spezieller Schmerztherapie, Akupunktur und Palliativmedizin sowie für Mind-Body-Medizin, medizinische Aromatherapie und anthroposophische Medizin. Ihre Promotion widmete sie dem Thema „Wirksamkeit und Sicherheit von achtsamkeitsbasierten Interventionen bei Frauen mit Brustkrebs“. Seit 2017 leitet sie die Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Robert Bosch Krankenhaus/Bosch Health Campus in Stuttgart, seit 2023 ist sie außerdem Ärztliche Leiterin des Robert Bosch Centrums für Integrative Medizin und Gesundheit (RBIM). Zudem ist sie Sprecherin des Kompetenznetzes Integrative Medizin (KIM) Baden-Württemberg.

Quellen:
1 Mind-Body Medicine in the Secondary Prevention of Coronary Heart Disease. Dobos G, Cramer H, Lauche R, et al._Dtsch Arztebl Int. 2015;112(45):759-767. DOI: 10.3238/arztebl.2015.0759_PMID: 26585187; PMCID: PMC4660854
Mindfulness-based stress reduction for low back pain. A systematic review. Cramer H, Haller H, Lauche R, Dobos G._BMC Complement Altern Med. 2012;12:162. DOI: 10.1186/1472-6882-12-162_PMID: 23009599; PMCID: PMC3520871
Mind-body medicine use by women diagnosed with breast cancer: results of a nationally representative survey. Voiß P, Höxtermann MD, Dobos G, Cramer H. Support Care Cancer. 2020;28(3):1077-1082. DOI: 10.1007/s00520-019-04914-x_PMID: 31187251
2 Primärprävention: Krankheitsvermeidung / Sekundärprävention: Behandlung einer Erkrankung im Frühstadium / Tertiärprävention: Therapie einer chronischen Erkrankung durch Maßnahmen wie Patientenschulungen

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