Integrative Medizin: Schmerzen beheben ohne Opiate

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In medizinischer Leitlinie empfohlen: Yoga bei chronischen Rückenschmerzen

Chronische, unspezifische Rückenbeschwerden sind eine Volkskrankheit. In Deutschland soll etwa jeder Zehnte darunter leiden. Kreuzschmerzen ohne organischen Befund stehen in den Statistiken der Krankschreibungen ganz oben. Schmerzmittel wirken oft nicht langfristig und können Nebenwirkungen haben. In dieser Situation können Yoga und andere Entspannungsverfahren hilfreich sein, wie Prof. Dr. Gustav Dobos erläutert. Der langjährige Direktor und Chefarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evangelischen Kliniken Essen-Mitte (KEM) leitet seit 2021 am Universitätsklinikum Essen das neue Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit. Ein Beitrag zum „Tag der Rückengesundheit” am kommenden Sonntag.

Professor Dobos, Sie forschen unter anderem zu Entspannungstechniken bei Rückenschmerzen. Warum ist hier aus Ihrer Sicht Forschungsarbeit nötig?

Für bestimmte Bereiche gibt es mehr Forschungsgelder, für andere weniger. Das Thema Schmerz hat letztendlich durch die Opioid-Krise in den Vereinigten Staaten an Aufmerksamkeit gewonnen. Bis vor einigen Jahren sahen die medizinischen Leitlinien in den USA und in Deutschland vor, bei chronischen Rückenschmerzen relativ rasch chemisch-synthetische Opiate zu verordnen. In den USA sind jedoch in den letzten 20, 25 Jahren etwa 500.000 Menschen durch eine Abhängigkeit von Opiaten gestorben. Deswegen wurden die Leitlinien zugunsten berührungsaffiner Therapien verändert. Bei den meisten Rückenschmerzen handelt es sich um chronische, unspezifische Rücken- oder Kreuzschmerzen, die zu 95 Prozent nicht operationspflichtig oder -würdig sind und bei denen eine Operation auch keinen Vorteil bringt. Bei genau diesen Beschwerden sind neben Yoga selbstwirksamkeitsspezifische Übungen und Entspannungsübungen wirksam.

Warum sprechen Patienten, die an Rückenschmerzen leiden, auf Entspannungstechniken wie Yoga so gut an?

Die häufigsten Gründe für chronische Rückenschmerzen liegen in der Unzufriedenheit am Arbeitsplatz oder mit der Lebenssituation, sind also psychisch bedingt. Gerade Berührungs-, Entspannungs- oder auch Einzeltherapien aus der Mind-Body-Medizin, die mit Achtsamkeit zu tun haben, führen den Blick nach innen. Das bietet die Chance, dass sich chronische Verspannungen und damit Schmerzen dauerhaft lösen. Auch deshalb wurde Yoga schon 2017 in die deutsche Versorgungsleitlinie bei chronischem Rückenschmerz mit aufgenommen.

Wie viele Menschen in Deutschland leiden unter chronischem, unspezifischem Rückenschmerz?

In Deutschland sollen rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung von unspezifischem Rückenschmerz betroffen sein. Eine deutsche Krankenkasse gab 2024 die Zahl sogar mit 20 Millionen Menschen an. Krankschreibungen wegen Kreuzschmerzen ohne organischen Befund stehen auch deshalb in der Statistik ganz oben. Zuletzt haben sie weiter zugenommen.

Könnte durch Entspannungstechniken wie Yoga und mehr Bewegung der Einsatz von Schmerzmitteln reduziert werden?

In die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte (KEM), die ich 22 Jahre lang geleitet habe, kamen zu einem großen Teil Schmerzpatienten. Die Krankenkassen bezahlten die Therapien unter der Voraussetzung, dass alle konventionellen Therapien gemacht worden sind und erfolglos waren. Alle diese Patienten litten auch weiterhin unter chronischen Schmerzzuständen, obwohl ihnen Opiate verabreicht worden waren. Mit unseren Therapien wollten wir erreichen, dass die Opiate reduziert und im Idealfall ganz weggelassen werden können. Denn Opiate wirken gerade bei Rückenschmerzen nur in den ersten ein, zwei Monaten, danach häufig nicht mehr. Gleichzeitig steigt das Risiko für eine Abhängigkeit von dem Medikament. Wenn die Patienten lernen, was sie jenseits der Anwendung von Arzneimitteln selbst gegen die chronischen Schmerzzustände unternehmen können, wie etwa durch das Praktizieren von Yoga, gelingt es uns in sehr vielen Fällen, die häufig nebenwirkungsreichen Medikamente deutlich zu reduzieren oder sogar abzusetzen.

Was genau empfiehlt die deutsche Leitlinie bei chronischem, unspezifischem Rückenschmerz inzwischen?

Die deutsche Leitlinie zum chronischen, unspezifischen Rückenschmerz rät zu einem stufenweisen Behandlungsansatz. Zuerst wird Aufklärung und Beratung betont, um Patienten zu ermutigen, aktiv zu bleiben und sich zu bewegen. Früher wurde eher Bettruhe verordnet. Bei anhaltenden Beschwerden folgen nicht-medikamentöse Therapien wie Physiotherapie, Bewegungstherapie und psychologische Interventionen wie eine Kognitive Verhaltenstherapie. Medikamente, insbesondere Opioide, werden nur zurückhaltend und zeitlich begrenzt eingesetzt. Bei komplexen Fällen können interdisziplinäre Schmerztherapien in spezialisierten Einrichtungen notwendig sein. Die Leitlinien betonen einen individualisierten Ansatz, der auf die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten zugeschnitten ist. Je nach den Präferenzen der Betroffenen, ihren Alltagsumständen und ihrer Fitness könnten zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Funktionsfähigkeit neben Yoga auch Tai-Chi oder etwa die Alexandertechnik am effektivsten sein.

Wie entwickeln Sie Ihre Forschungsaktivitäten in diesem Bereich weiter?

Ich habe seit 2021 ein Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit am Universitätsklinikum Essen aufgebaut, mit einem sogenannten Mind-Body-Medizin-Lab. Dort entwickeln wir für unterschiedliche Krankheitsbilder Konzepte von der Prävention hin zur Therapie. Zum Beispiel für Post-Covid, weil dies volkswirtschaftlich bedeutend ist. Man rechnet mit Millionen von Erkrankten in den nächsten Jahren. Und es gibt nachweislich in der konventionellen Medizin keine Therapie. Unser Ansatz hingegen sieht Achtsamkeitsübungen in Verbindung mit naturheilkundlichen Therapien vor. Eine mehrjährige, von der Carstens-Stiftung finanzierte Studie dazu soll im Laufe dieses Jahres publiziert werden. Wir haben schon Patienten entsprechend behandelt. Die Ergebnisse sind so vielversprechend gewesen, dass die Post-Covid-Ambulanz der Kliniken Essen-Mitte unser Konzept umsetzt. Patienten erhalten dort viele naturheilkundliche Therapien, unter anderem Kneippbehandlungen wie Wickelauflagen oder hydrotherapeutische Anwendungen sowie Akupunktur. Es gibt dafür auch gute Evidenz aus Studien zu Fatigue und Yoga aus der Krebsforschung.

Was muss man sich unter „Planetarer Gesundheit“ (Planetary Health) vorstellen, und was versprechen Sie sich davon?

Planetare Gesundheit berücksichtigt das gesamte Ökosystem: Wenn der Planet nicht gesund ist, kann es der Mensch auch nicht sein. Wir am Universitätsklinikum Essen (UK Essen) haben Ernährung im Sinne der ,Planetary Health Diet’ zu unserem Hauptzielparameter gemacht: Das Essen für Mitarbeitende und Patienten soll besser schmecken, dabei gesünder und klimafreundlicher sein. Um Einstellungen und Verhaltensweisen im Sinne einer nachhaltigen, pflanzenbasierten und umweltachtsamen Ernährung zu transformieren, wurde ein digitales Schulungskonzept entwickelt, das in einer randomisiert kontrollierten Machbarkeitsstudie getestet wird. Während eine Gruppe von Mitarbeitenden Zugang zu einer Planetary-Health-Diet-Rezeptsammlung erhält, wird eine zweite Gruppe zusätzlich in theoretischen wie praktischen Inhalten geschult. Die Maßnahmen, die sich als durchführbar und effektiv herausstellen, sollen fest in die betrieblichen Präventionsstrukturen des UK Essen implementiert werden.

„Wenn die Patienten lernen, was sie jenseits der Anwendung von Arzneimitteln selbst gegen die chronischen Schmerzen unternehmen können, wie etwa durch das Praktizieren von Yoga, gelingt es uns in sehr vielen Fällen, die häufig nebenwirkungsreichen Medikamente deutlich zu reduzieren oder sogar abzusetzen.“

Prof. Dr. Gustav Dobos, Leiter der Abteilung für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit, Universitätsklinikum Essen

EXTRAINFO: Forschungsschwerpunkt von Prof. Dr. med. Gustav Dobos

Prof. Dr. med. Gustav Dobos hat die Grundlagen für eine wissenschaftliche Naturheilkunde in Deutschland gelegt. Dabei hat er mit seinem Team etwa 90 Promotionsarbeiten betreut. Mehrere seiner Mitarbeiter haben sich habilitiert und besetzen heute relevante akademische Positionen in ganz Deutschland. Darunter Prof. Dr. Andreas Michalsen, der 2009 als Stiftungsprofessor für Klinische Naturheilkunde an die Charité in Berlin berufen wurde, und Prof. Dr. Jost Langhorst. Er leitet seit 2019 die Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde am Klinikum Bamberg. Aktuell forscht Prof. Dobos an verschiedenen Projekten der Mind-Body-Medizin und der Planetaren Gesundheit.

VITA Prof. Dr. med. Gustav Dobos

Prof. Dr. med. Gustav Dobos studierte Medizin an der Universität Freiburg und an der Academy of Traditional Chinese Medicine in Peking/China. Er war Gründungsdirektor und 22 Jahre lang Direktor sowie Chefarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Evangelischen Kliniken Essen-Mitte (KEM). Seit 2021 leitet er am Universitätsklinikum Essen das neue Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit, insbesondere mit einem Mind-Body-Medizin-Lab als Forschungseinrichtung. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen.

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