Seit 2016 ist Prof. Dr. Tobias Esch Institutsleiter und Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke. Der Integrativmediziner und Neurowissenschaftler erforscht u. a. an der Harvard Medical School und der Charité in Berlin Mechanismen der Selbstheilung und wie Gesundheitsförderung dieses Potenzial stärken und nutzen kann – auch zur Entlastung des Gesundheitssystems. Die von ihm 2019 eröffnete Universitätsambulanz in Witten versteht er als Blaupause einer ambulanten „Medizin von morgen”; sie ist bis heute einzigartig in Deutschland. Prof. Tobias Esch hat zahlreiche Bücher zu den Themen Integrative Medizin, Selbstheilung, Gesundheit, Achtsamkeit und Glück publiziert.
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Integrative Medizin: Bei der eigenen Gesundheit mitzubestimmen, macht Menschen gesünder und entlastet das System
Prof. Dr. Tobias Esch über Prävention, Gesundheitsförderung und Wege aus der Gesundheitskrise
Prof. Dr. Tobias Esch zeigt seit zehn Jahren an der Universität Witten/Herdecke, dass es sich medizinisch und gesellschaftlich lohnt, Menschen in allen Stadien einer Erkrankung integrativmedizinisch zu behandeln. Dazu gehört für den engagierten Mediziner ein Konzept, das unser Gesundheitssystem revolutionieren könnte. Er spricht sich dafür aus, Patienten die Verantwortung für ihre Gesundheit zurückzugeben – in einem System, das Menschen dabei unterstützt und auf individuelle Ressourcen blickt statt auf das Vermeiden von Krankheiten. Ein Beitrag zum „Deutschen Präventionstag” am 13. und 14. April 2026.
Prof. Esch, das Gesundheitssystem ist erschöpft, finanziell und personell. Wenn Sie Bundesgesundheitsminister wären, welche Therapie würden Sie empfehlen?
Zuallererst würde ich mich darum bemühen, die Gräben und das Silo-Denken zwischen den einzelnen Protagonisten, also zwischen Ärzten, Patienten, Krankenkassen und Pharmabranche, zu überwinden. Das ist erforderlich, um dann zu überlegen: Können wir uns auf eine gemeinsame Definition von Gesundheit einigen, und was ist eigentlich das Ziel unseres Gesundheitswesens? Denn mein Eindruck ist: Es gibt viele Ziele, und sie sind eben nicht identisch. Alle würden sagen: Klar, Gesundheit! Aber was ist das? Sie wären erstaunt, wie unterschiedlich die Antworten sind.
Welche unterschiedlichen Ziele kann es hinsichtlich von Gesundheit geben?
Manche würden sagen, wir brauchen die bestmöglichen Medikamente gegen die Erkrankungen unserer heutigen Zeit, was wiederum bestmögliche Forschung und Pharmaförderung erfordern würde. Andere würden Arzneimittelsicherheit hervorheben oder Effizienz und geringe Kosten. Wieder andere würden die Verlängerung der Lebenserwartung in den Vordergrund stellen, vielleicht um jeden Preis. Manche würden fragen, ob es nur darum gehen sollte, Jahre zu addieren oder aber gute, gesunde Jahre. Was ist überhaupt ein gutes Leben? Und angenommen, man würde einen Haken an jedes dieser unterschiedlichen Argumente machen, dann erst kämen wir zum Wesentlichen.
Und was ist das Wesentliche?
Ich glaube, dass Selbstbestimmtheit bis zum Lebensende für viele Menschen eine zentrale Rolle spielt. Und sie bevorzugen ambulant vor stationär. Alles, was mich in meinem Leben ertüchtigt, um auf eine gute Art dort sein, wo ich lebe, liebe und arbeite, ist wichtiger als eine formale Definition von Gesundheit. Dafür ist es aus meiner Sicht elementar, dass das Gesundheitssystem jeden Menschen in seiner Eigenart und Selbstbestimmheit stärkt. Das System müsste nur gerade so viel tun, um jedem Menschen Impulse zu geben, selbst gesund sein zu können, es zu bleiben oder wieder zu werden. Ich nenne das ,Gesundheitsförderung’, und es wäre ein Ansatz, der jeden Menschen von der Geburt bis zum Tod begleitet.
Was ist für Sie ,Gesundheitsförderung’ – im Unterschied zu Prävention?
Der Fokus ist ein gänzlich anderer: Prävention fragt, was Menschen krank macht und wie sich das verhindern lässt. Prävention ist krankheitsorientiert, pathogenetisch und will Risiken vermeiden. Ich frage, was Menschen gesund erhält oder wieder gesünder macht, wie sie selbst ihre Gesundheit aktiv stärken und welche individuellen Ressourcen und Widerstandskräfte sie dafür haben und aufbauen können. Es geht mir um Salutogenese. Ich plädiere dafür, jeden Einzelnen in die Lage zu versetzen, nicht einfach nur passiv Leistungen des Gesundheitssystems zu konsumieren. Ich sollte derjenige sein, der meine Gesundheit erzeugt und alle anderen im Gesundheitswesen helfen mir und unterstützen mich dabei. Schon die Ottawa-Charta von 1986 hat Gesundheitsförderung so definiert, dass Menschen befähigt werden, ihre Gesundheit in die eigenen Hände zu nehmen.1 Aber bisher spielt der Einzelne in der gesundheitspolitischen Debatte keine Rolle. Wirklich nicht. Das ist übrigens mit ein Grund dafür, warum alle seit Jahren von Prävention reden, sich aber so wenig tut.
Was müsste sich ändern, damit sich endlich etwas bewegt?
Hier kommt das ins Spiel, was ich den ,inneren Arzt’ nenne: Alles, was mich in der Auseinandersetzung mit der Welt stärkt, um gesund zu bleiben. Synonyme Begriffe sind für mich Selbstregulation, Selbstwirksamkeit, Selbstheilung, Empowerment, Partizipation. Auch Plazebo. Der innere Arzt ist immer aktiv, auch in der konventionellen Medizin, aber vielleicht mit weniger Kraft. Was wir in der Integrativen Medizin anders machen, ist: Wir adressieren ihn konkret, fördern ihn, sodass der einzelne Mensch mehr davon profitiert und mehr Gesundheitskompetenz erwirbt. Denn verschiedene Quellen sagen uns: Die Ursachen für Erkrankungen, die zum Tod führen, sind größtenteils lebensstilbedingt. Das Deutsche Ärzteblatt etwa spricht von 90 Prozent.2 Die Frage ist nun: Wie bekommt unser Gesundheitssystem ein integrativmedizinisches Konzept, in dem die pathogenetische Seite und die salutogenetische, der äußere Arzt und innere Arzt, der Medicus und der Archäus, Hand in Hand arbeiten können, ganz offen und transparent? Denn das möchte ich betonen: Es geht mir nicht um ein Entweder-Oder, sondern ein Miteinander.
Sie betreiben seit 2019 an der Universität Witten eine Ambulanz, die als erste in Deutschland hausärztliche Versorgung mit einem Kurs in Gesundheitsförderung verbindet.
In unserer Universitätsambulanz für Integrative Gesundheitsversorgung und Naturheilkunde bekommt nahezu jeder Patient, ergänzend zur ärztlichen Therapie, diesen Kurs angeboten, den alle Krankenkassen erstatten, denn er ist Teil unseres Konzeptes.3, 4 Über acht Wochen hinweg lernen die Menschen, wie sie nachhaltig gesünder leben können – indem sie verstehen, welche Bedeutung Bewegung, gesunde Ernährung, der richtige Umgang mit Stress, aber auch Glaubensmuster für die eigene Gesundheit haben. Das evidenzbasierte Konzept dazu habe ich vor über 25 Jahren während meiner ersten Zeit in Harvard entwickelt. Es heißt BERN. Die einzelnen Buchstaben stehen für Behavior (= kognitives und soziales Verhalten; also wie agiere ich aufgrund meiner eigenen Denkmuster und Glaubenssätze, und wo bekomme ich Unterstützung), Exercise (= Bewegung), Relaxation (= Entspannung) und Nutrition (= Ernährung).5 Es ist unser Verständnis von Mind-Body-Medizin, denn für mich sind Denken, Fühlen und Verhalten, Geist, Seele und Körper nicht getrennt. Inzwischen haben wir in mehr als 40.000 Patientenkontakten so gehandelt und BERN in unseren Kursen vermittelt. Wir konnten zeigen, dass die Teilnehmenden in großem Maße zufriedener sind, weniger gestresst, und dass es medizinisch definitiv Vorteile bringt. Die Daten sind beeindruckend, mit sehr hohen Effektstärken. Sie werden im Laufe dieses Jahres veröffentlicht. Und wenn Sie mich fragen, was ich als Bundesgesundheitsminister täte: Ich würde BERN zur Grundlage praktisch aller gesundheitspolitischen und medizinischen Interventionen machen. Bei allem sollten wir fragen: Ist eine Ernährungs-, eine Bewegungs-, eine Entspannungskomponente dabei sowie eine, die den Menschen die Möglichkeit gibt, ungünstiges Denken und Verhalten zum Positiven zu verändern? Wer oder was unterstützt sie konkret?
Und Sie sprechen dabei gar nicht mehr von Prävention?
Doch, schon. Präveniere bedeutet: einer Erkrankung zuvorkommen. Auch hierzu kann ich den Einzelnen eher motivieren, wenn ich seine Ressourcen stimuliere, etwa durch Gesundheitsförderung. Diese lässt sich aber nicht in verschiedene Stadien aufteilen, wie wir das von der Prävention her kennen, sie ist grundlegender. Trotzdem sind Übergänge fließend. Der entscheidende Unterschied jedoch ist der Perspektivenwechsel: Während sich die Prävention immer auf eine konkrete Erkrankung oder deren Verschlechterung bezieht, der es zuvorzukommen gilt, schaut die Gesundheitsförderung auf das Gesunde generell – auf Widerstandsressourcen, Gesundheitsschutzfaktoren oder Potenziale zur Stärkung von Abwehr, „Härte“ oder Resilienz und auf die Reduktion von allgemeinen Belastungen.
Lassen Sie uns das doch einmal am Beispiel Ihrer Uniambulanz die vier Stadien von Prävention anschauen. Was sind Primär- und Sekundärprävention?
Wir arbeiten integrativmedizinisch und dazu gehört auch, dass wir den Impfstatus unserer Patienten überprüfen und bei Lücken dazu raten, die Impfungen aufzufrischen. Hat jemand eine familiäre Belastung für Diabetes Typ 2, weisen wir besonders darauf hin, wie entscheidend Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind, um gesund zu bleiben. Das ist Vorsorge und Risikofaktorenmanagement und damit Primärprävention. In den Bereich Sekundärprävention gehört es, wenn ein Patient beispielsweise schon ein bisschen Übergewicht und einen Prädiabetes-Wert hat, sodass wir uns bemühen, die im Entstehen befindliche Erkrankung zurückzudrängen: durch Früherkennung so zeitig, wie es geht, aber eben auch durch Behandlung. Zugleich legen wir allen diesen Patienten nahe, unseren Kurs zur Gesundheitsförderung zu besuchen, um zu lernen, wie sie individuell den eigenen Lebensstil anpassen können. Prävention ist oft zu linear, die Realität sieht anders aus. Wir müssen die Subjektivität der Patienten mitberücksichtigen, auch wenn das für Mediziner mitunter schwer auszuhalten ist, weil es in kein Lehrbuch passt, wortwörtlich nicht ,Standard‘ ist. Aber tun wir dies nicht, entstehen womöglich höhere Kosten, weil wir oftmals nicht an die Ursachen von Erkrankungen herankommen.
Wie sieht das bei Tertiärprävention aus, also bei chronischen Erkrankungen?
Tertiärprävention ist ein weiteres zentrales Terrain der Integrativmedizin. Ein Beispiel: Ist jemand erkrankt und das oft chronisch, versuchen wir, Begleit- und Folgeerkrankungen zu verhindern. Bei Bluthochdruck wären das ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Als Integrativmediziner verschreiben wir aber nicht nur erforderliche Medikamente, sondern versuchen, diese Menschen durch unsere Kursinhalte zur Gesundheitsförderung wie etwa Entspannungs- oder Bewegungsverfahren so fit zu halten, dass keine Verschlechterung eintritt. Wir sehen immer wieder, dass es den Menschen besser geht und sich damit sogar Blutdruck- oder auch Schmerzmittel reduzieren lassen. Das ist keine Zauberei, bei Doc Esser im WDR haben wir das ,live‘ gezeigt.6
Und was kann Integrativmedizin bei der Quartärprävention leisten?
Bei Quartärprävention geht es darum, dass etwa aufgrund eines vorhandenen, chronischen Bluthochdrucks Medikamente gegeben werden, um Folgeschäden zu verhindern. Oft kommt es bei älteren Menschen, die mehrfach erkrankt sind, zu einer Poly- oder Multimedikation mit Wechselwirkungen, gegen die wieder Arzneimittel verschrieben werden. Oder therapeutische Maßnahmen wie häufigere Krankenhausaufenthalte haben wiederum einen negativen Effekt für die Betreffenden. Unser Ansatz hingegen ist es, gar nicht erst in diese Lage zu kommen oder aber zu prüfen: Steht diese oder jene Intervention wirklich an? Es mag zwar rein medizinisch durchaus indiziert sein, aber vielleicht möchte der Patient dies gar nicht? Das müssen wir ernst nehmen. Denn letztlich gilt: Wer entscheidet denn morgens beim Blick in den Spiegel, ob dieser Tag ein ,kranker‘ Tag ist oder ein ,gesunder‘, ein guter, trotz eines Leidens? Das ist jeder einzelne Mensch selbst. Er entscheidet, ob die Zeit, die ihm bleibt, wie lange diese auch immer ist, eine gute oder schlechte ist. Und wenn es uns gelingt, mit Gesundheitsförderung und Prävention dazu beizutragen, dass mehr gute als schlechte Tage dabei herauskommen, dann haben wir und das Gesundheitssystem viel gewonnen.
„Was wir in der Integrativen Medizin anders machen: Wir adressieren den ‚inneren Arzt‘ konkret, fördern ihn, sodass der einzelne Mensch mehr davon profitiert und mehr Gesundheitskompetenz erwirbt.“
Prof. Tobias Esch, Leiter des Instituts für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung (IGVF) an der Universität Witten/Herdecke
Vita Prof. Dr. Tobias Esch
Quellen:
1 https://iris.who.int/items/47e2f92d-c3f7-4c5a-baa6-5ba5a1337e76
2 https://www.aerzteblatt.de/archiv/praevention-vorbeugen-statt-heilen-bab610c3-79b9-45ea-808c-5c3facc41f4e
3 https://www.uniambulanz-witten.de
4 https://blogs.bmj.com/bmj/2021/04/01/tobias-esch-integrating-opennotes-and-promoting-self-management-in-primary-care-in-germany-the-witten-model
5 Buch: Tobias Esch, „Der Selbstheilungscode: Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit“, Beltz-Verlag 2017
6 https://www.fernsehserien.de/doc-esser/folgen/6×06-sanfte-medizin-wann-hilft-sie-1320048