Essen/Ruhr: Ganzheitliche Wege aus der Erschöpfung mit Naturheilkunde und Selbsthilfestrategien
Dreiteilige Serie: Vielversprechende Therapieergebnisse der Integrativen Medizin beim Post-Covid-Syndrom (Teil 3)
Die Coronakrise ist vorbei. Doch im Leben vieler Menschen hat sie gravierende gesundheitliche Spätfolgen hinterlassen: Das Post Covid-Syndrom lässt bis heute etwa jeden zehnten Menschen, der sich mit SARS-CoV-2 infiziert hat, unter einer Vielzahl an Symptomen leiden. Dazu zählen insbesondere starke Erschöpfung (ME/CFS), kognitive Beeinträchtigungen, Atemnot oder Herzrasen. 1 Schon den Alltag zu bewältigen, fällt schwer. Ein Teil der Patienten ist arbeitsunfähig oder sogar bettlägerig. Eine offizielle Gesamtstatistik fehlt, die Zahl der Betroffenen wird auf 650.000 bis zu etwa 1,5 Millionen Menschen geschätzt. 2 Die Dunkelziffer ist hoch. Die konventionelle Medizin behandelt in der Regel symptomorientiert und mit rehabilitativen Interventionen, die oft aber eher überfordern. Nach einem wirksamen Medikament wird geforscht, in Deutschland etwa an der Charité in Berlin. 3 In dieser dreiteiligen Serie (hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2) stellt die Initiative GESUNDE VIELFALT naturheilkundliche Kliniken vor, die mit multimodalen, integrativmedizinischen Ansätzen ganzheitliche Wege gehen, um Betroffenen wirksam zu helfen. In Teil 3 kommen Dr. Heidemarie Haller, Forschungsleiterin am Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit des Universitätsklinikums (UK) Essen, und ihre Kollegin Christiane Pithan zu Wort. Die Ernährungswissenschaftlerin leitet am UK Essen die Mind-Body-Medizin. Gemeinsam zeigen sie mit der noch unveröffentlichten NaShPoCo-Studie, dass naturheilkundliche Selbsthilfestrategien beim Post Covid-Syndrom erfolgreich sein können.
Frau Dr. Haller, wie sehr profitieren Patienten, die am Post Covid-Syndrom leiden, von naturheilkundlichen Selbsthilfestrategien?
Dr. Heidemarie Haller (HH): Wir haben dazu eine randomisiert-kontrollierte Studie abgeschlossen, die Ergebnisse werden demnächst veröffentlicht. Was wir schon sagen können: Wer an dem zehnwöchigen multimodalen Programm teilnahm, hat hinterher im Vergleich zu Patienten der Kontrollgruppe signifikant weniger Belastung durch die verschiedenen Post-Covid Symptome berichtet. Zudem verbesserte sich die Lebensqualität, und Ängstlichkeit, depressive Verstimmungen und Fatigue, also chronische Erschöpfung, nahmen ab. Bei den Rückmeldungen der 86 Teilnehmenden war von ,Es geht mir nicht viel besser‘ bis zu ,Ich bin wieder der oder die Alte und die Symptome sind komplett weg‘ alles dabei.
Mit welchem Schweregrad konnten Patienten an der Studie teilnehmen?
HH: Die Betroffenen mussten mindestens moderate Beschwerden infolge einer SARS-CoV-2- Infektion berichten. Viele unserer Studienteilnehmer hatten jedoch starke bis sehr starke Symptome. Viele hat Post-Covid zudem komplett aus ihrem Leben gerissen. Das hatte ich so nicht erwartet, und es hat mich betroffen gemacht. War eine ambulante Teilnahme nicht möglich, weil die Symptome zu stark waren, haben wir stationäre Behandlungskonzepte empfohlen.
Christiane Pithan (CP): Auch ich war sehr berührt: Wir haben die Menschen über den gesamten therapeutischen Prozess begleitet, bei dem insbesondere die chronische Erschöpfung ein großes Thema war. Die Frage: ,Wie gehe ich damit um, an manchen Tagen nicht einmal die Treppe zu schaffen?’ war nicht selten. Ein großer Vorteil des Gruppenprogramms war, dass die Teilnehmer viel voneinander lernen konnten, was die therapeutischen Effekte noch verstärkt hat. Am Schluss haben viele gesagt, dass sie die Verbindung aus ärztlicher und therapeutischer und pflegerischer Betreuung und die integrativmedizinische, naturheilkundliche Herangehensweise sehr geschätzt haben. Und die Tatsache, mit den eigenen Beschwerden ,endlich einmal ernst genommen zu werden’.
Unter welchen Symptomen litten Ihre Studienteilnehmer am meisten?
HH: Zu den Merkmalen von Post-Covid gehört zum Beispiel, dass sich eine Grunderkrankung verschlechtern kann. Dies wurde insbesondere für zuvor vorhandene chronische Schmerzerkrankungen berichtet. Aber auch neu auftretende Beschwerden während und nach der SARS-CoV-2 Infektion werden zu den Post-Covid-Symptomen gezählt. 66 Prozent unserer Patienten litten verstärkt an Bauchschmerzen, 82 Prozent an Muskel- und Gelenkschmerzen, 74 Prozent an Kopfschmerzen, 73 Prozent an Rückenschmerzen. Manche konnten sich vor Schmerzen kaum bewegen. 91 Prozent klagten über Schlafstörungen und alle, ausnahmslos, über chronische Erschöpfung (Fatigue), entweder kognitiv oder körperlich.
Wie war die Studie zu Naturheilkundlicher Selbsthilfe beim Post Covid-Syndrom, kurz ,NaShPoco‘, aufgebaut?
CP: Wir haben ein Gruppenprogramm mit einer integrativen Komplextherapie entwickelt, bei dem naturheilkundliche Selbsthilfestrategien und Regulationsmedizin im Vordergrund standen: Was hilft dem Organismus, sich wieder selbst mehr zu regulieren und wieder mehr in die Balance zu kommen? Darauf ist die Kneippmedizin spezialisiert, deren Ansätze wir stark eingebunden haben: eine ausgewogene Ernährung, das richtige Maß an Bewegung mit bewussten Pausen (,Pacing‘), Hydrotherapie mit Wärme- und Kältereizen etwa durch Kneippgüsse, Beratung zu ergänzenden pflanzlichen Arzneimitteln und schließlich Ordnungstherapie – oder moderner: Mind-Body-Medizin-Verfahren.
Warum sind Mind-Body-Medizin-Verfahren bei der Behandlung von Post Covid wichtig?
CP: Gerade Post Covid ist starker Stress für Körper und Seele, das sympathische Nervensystem ist konstant aktiv. Stress aber blockiert Heilung. Der Körper kann seine Selbstheilungsprozesse nur in Gang zu setzen, wenn auch der Parasympathikus, der Gegenspieler des Sympathikus, funktioniert. Nur dann ist Regeneration möglich. Deshalb haben wir einen großen Schwerpunkt auf Achtsamkeit, Entspannungsverfahren und die Regulation des parasympathischen Nervensystems und damit des Vagusnervs gelegt, der zentral ist für Entspannung. Idealerweise erreichen wir damit Sympathikus und Parasympathikus gleichermaßen. Wir haben auch Aromatherapie mit Wickeln und Auflagen für einen besseren Schlaf genutzt. Hinzu kamen viele naturheilkundliche Anwendungen gezielt gegen Schmerzen, etwa aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und dem Yoga. Das Besondere daran war, die Therapien den Patienten so zu vermitteln, dass sie diese selbst zu Hause umsetzen können und ihre Selbstwirksamkeit dadurch stärken. Das mindert Stress ebenfalls.
HH: Ist der Mensch gestresst, arbeitet das Immunsystem zunächst sogar besser. Aber ist der Sympathikus ständig aktiv – und gerade bei chronisch erkrankten Menschen ist das häufig der Fall – arbeiten mit der Zeit das Herz-Kreislauf-, das Immun- und das Hormonsystem nicht mehr richtig. Deswegen ist aktive geleitete Entspannung so wichtig, auch beim Post Covid-Syndrom.
Nutzen Sie das Programm weiterhin, trotz abgeschlossener Studie?
CP: Absolut. Schon während der Studie konnten wir relativ schnell einschätzen, welche Aspekte des Programms wirksam sind. Diese haben dann Kollegen an der Klinik für Naturheilkunde & Integrative Medizin der Evang. Kliniken Essen-Mitte in die tagesklinische und stationäre Patientenversorgung übernommen. Seither wird es dort angeboten. Alle Krankenkassen übernehmen die Kosten. Für die ambulante Behandlung kommen allerdings nur private Krankenversicherungen auf.
Wie sah das Programm in der Studie im Einzelnen aus, etwa bei Bewegung?
HH: Manche konnten anfangs nur fünf Schritte laufen, andere einen Kilometer. Wir sind jeweils individuell vorgegangen und haben das Programm an die Bedürfnisse der Teilnehmer angepasst. Gestartet sind wir mit leichter Bewegung und dosierter Belastung und haben immer wieder Pausen eingelegt, um Rückfälle, sogenannte Crashs, zu vermeiden. Je mehr Crashs und je mehr Überforderung, desto schwieriger wird es, aus der Erschöpfung herauszukommen. Die Fatigue hat dabei immer körperliche und psychische Ursachen und Faktoren, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung beitragen. Wir haben darauf abgezielt, beide Ebenen naturheilkundlich zu stärken, damit der Organismus wieder mehr in die Balance kommt und die Erkrankung überwinden kann.
CP: Es gibt eine am Alter orientierte Formel bei Erschöpfung, wie hoch der Puls sein darf, ohne dass es zu einer Überbeanspruchung kommt. Wir konnten klar sehen, dass Teilnehmer, die regelmäßig diese Grenze ignoriert haben, aus der Erschöpfung nicht herausgekommen sind. Wer immer nur im Grenzbereich trainiert und diesen nicht oder nur selten überschritten hat, dem ist es in der Regel besser gelungen. Für Post-Covid-Patienten ist es zudem entscheidend, wieder Vertrauen in ihren Körper und seine Leistungen zu bekommen. Viele sind aber zu erschöpft, um sich zu bewegen, und innerlich zu ,aufgedreht’, um sich zu entspannen. Das Ausloten der individuellen Belastungsgrenze durch achtsame Bewegung sollte daher von Mind-Body-medizinischen Verfahren zur Vagus-Regulation begleitet werden. Crashs können so vermieden und positive Effekte stabilisiert werden.
Welche Ernährung haben Sie empfohlen?
CP: Das war eine vegetarisch ausgerichtete, histaminarme, ballaststoffreiche, mediterrane Vollwertkost, die reich an Omega-3-Fettsäuren und sekundären Pflanzenstoffen ist. Das alles fördert ein vielfältiges Mikrobiom im Darm und damit unter anderem das Immunsystem, aber auch, über die Darm-Hirn-Achse, kognitive Funktionen und die emotionale Ausgeglichenheit. In unserer Lehrküche haben wir nicht nur die Herangehensweise und Rezepte vermittelt, sondern auch das Prinzip der Selbstfürsorge.
Und was haben Sie zum Beispiel aus der Traditionellen Chinesischen Medizin eingesetzt?
HH: Wir haben Ohrakupunktur angeboten, an standardisierten Punkten nach dem sogenannten NADA-Prinzip. Meist wurde nach dem Mittagessen akupunktiert, um in der anschließenden Ruhephase noch besser in die Entspannung zu kommen und die Regulation im Körper anzuregen. Gerade durch die anhaltende Fatigue gibt es zu wenig Regulation im Körper, auf äußere Reize kann er nicht mehr angemessen reagieren. Stattdessen reagiert das System mit Überforderung. Daher haben wir sanfte Reize gesetzt, damit der Körper wieder einen adäquaten Umgang damit lernt.
Es ist ja gerade der Mehrwert der Integrativen Medizin, den Menschen die Methoden so zu vermitteln, dass sie diese zu Hause selbst anwenden können. Wie sind Sie vorgegangen?
HH: Alle Kneipp-Interventionen wie Güsse, Wickel und Auflagen, aber auch Akupressur sowie Ernährung und spezielle Kräutertees haben wir erklärt und vor Ort eingeübt, sodass es leichter fällt, dies zu Hause selbst umzusetzen. Für die meisten Anwendungen benötigen die Menschen nichts Besonderes oder nur Dinge, die günstig zu bekommen sind. Zudem haben wir ,Infozepte’ ausgegeben: Informationsmaterial, das alle Anwendungen genau erklärt, mit ihren Wirkungen und Nebenwirkungen und worauf besonders zu achten ist.
Auch an weiteren integrativmedizinischen Kliniken wird, zum Teil mit anderen therapeutischen Verfahren, zum Post Covid-Syndrom geforscht. Wie sinnvoll wäre es, die Ergebnisse zusammenzuführen?
CP: Natürlich müssen wir die wissenschaftlichen Ergebnisse abwarten. Aber wir stehen im kollegialen Austausch miteinander, um die bestmögliche Strategie über die Forschungsgruppen hinweg gemeinsam zu entwickeln. Auch Anschluss-Studien, besonders online, sind geplant. Ich wünsche mir für die Behandlung, dass wir einen Stufenplan haben, wonach entschieden wird, welche Therapie welchem Menschen mit Post Covid und welchen Symptomen am ehesten hilft. Davon würden alle Patienten profitieren.
„Teilnehmer unserer Studie berichteten nach dem zehnwöchigen multimodalen Programm mit naturheilkundlichen Selbsthilfestrategien von signifikant weniger Belastung durch die verschiedenen Post-Covid Symptome.“
Dr. Heidemarie Haller, Forschungsleiterin am Zentrum für Naturheilkunde und Planetare Gesundheit des Universitätsklinikums (UK) in Essen
Quellen:
1 Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue Syndrom (ME/CFS)
dazu auch: https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/
2 https://mecfs-research.org/press/press-releases/pm-costreport-long-covid-and-mecfs/
und https://link.springer.com/article/10.1007/s42212-024-00707-4
3 https://cfc.charite.de/klinische_studien/nksg/