Berlin: Ganzheitlicher Weg aus der Erschöpfung mit Naturheilkunde, Hyperthermie und „Blutwäsche“
Dreiteilige Serie: Vielversprechende Therapieergebnisse der Integrativen Medizin beim Post-Covid-Syndrom (Teil 2)
Noch immer gibt das Post Covid-Syndrom der medizinischen Forschung Rätsel auf. Wie kommt es, dass bis heute etwa jeder Zehnte, der sich mit SARS-CoV-2 infiziert hat, unter einer Vielzahl an Symptomen und schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen leidet? Dazu zählen insbesondere starke Erschöpfung (ME/CFS), kognitive Beschwerden (Brain Fog), Atemnot oder Herzrasen.1 Nach einem wirksamen Medikament wird intensiv geforscht, in Deutschland etwa an der Charité in Berlin.2 Therapien sind bisher nur symptomatisch, weil die eigentliche Ursache noch immer unbekannt ist und es bisher nur Hypothesen dazu gibt. In dieser dreiteiligen Serie (hier geht‘s zum Teil 1) stellt die Initiative GESUNDE VIELFALT naturheilkundliche Kliniken in Deutschland vor, die mit multimodalen, integrativmedizinischen Ansätzen ganzheitliche Wege gehen, um Betroffenen wirksam zu helfen. In Teil 2 erläutert Prof. Dr. med. Harald Matthes, Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin, welchen Erklärungsansätzen sein Team und er folgen. Denn bei schweren Verläufen setzen sie nicht nur Hyperthermie („künstliches Fieber“) ein, sondern zusätzlich „Immunadsorptionsapherese“ (umgangssprachlich „Blutwäsche“). Hinzu kommt eine multimodale naturheilkundlich-anthroposophische Therapie als Erweiterung der konventionellen Standardbehandlung. Die Ergebnisse sind vielversprechend, auch wenn noch Fragen offenbleiben.
240 Symptome und mehr. Das Corona-Virus ruft die unterschiedlichsten Beschwerden hervor, weil es verschiedene Systeme im Körper parallel beeinträchtigen kann – bis zur Arbeitsunfähigkeit oder Bettlägerigkeit: Herz-Kreislauf, Atmung, Gehirn, Nerven, Verdauung, Muskeln und das Immunsystem. Warum das so ist, dazu diskutieren Wissenschaftler mehrere Hypothesen. Bisher gibt es keine standardisierten Therapien, sondern nur den Versuch, anderweitig schon hilfreiche Verfahren im „off label use“ einzusetzen. Als Mitglied einer internationalen Expertenkommission hat Prof. Harald Matthes selbst schon Empfehlungen zu bestimmten Erklärungsansätzen und in der Folge zu Behandlungsmöglichkeiten aus der Anthroposophischen Medizin veröffentlicht, worauf das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe spezialisiert ist. „Wir gehen davon aus, dass das Post (oder auch Long) Covid-Syndrom eine überschießende Immunreaktion ist, bei der sich spezielle Auto-Antikörper nachweisen lassen”, erklärt Prof. Harald Matthes. Im Kern geht es dabei um folgende, stark vereinfachte Grundannahmen.
Hypothese: So geht das Corona-Virus im menschlichen Organismus vor
1: An der Oberfläche des Corona-Virus befindet sich ein stachelig aussehendes Eiweiß, das sogenannte Spikeprotein. Seine Struktur passt wie ein Schlüssel an „ACE-Rezeptoren“ menschlicher Zellen etwa in der Lunge, im Herzen oder an den Blutgefäßen. Damit kann das Virus Zellen für sich kapern und sich so vermehren.
2: Das Immunsystem des Körpers wehrt sich dagegen und bildet Antikörper gegen das Spikeprotein.
3: Problem: Bei 80 bis 90 Prozent der Patienten fällt diese Immunantwort zu heftig aus. Ihr Organismus stellt nun auch bestimmte Auto-Antikörper her, die sich auch gegen ähnliche körpereigene Rezeptoren richten (sog. G-Protein coupled Receptors, kurz GPCR).
4: Die ACE- und GPC-Rezeptoren werden von diesen Auto-Antikörpern langanhaltend stimuliert und können ihrer eigentlichen Arbeit nicht nachgehen: Dazu gehört das Regulieren einzelner Organfunktionen.
Die Folge sind die Symptome von Post Covid: Bluthochdruck, zu schneller Puls, Atemnot, Muskelschwäche, starke Erschöpfung (Fatigue), Konzentrationsschwierigkeiten („Brainfog“). Durch die Dauerstimulation der Zellen kommt es zu einem „metabolischen Burnout“ der Zellen. Schon geringe Belastungen können bei Betroffenen kräftemäßig einen „Crash“ auslösen (Post Exertional Malaise, PEM) – hervorgerufen durch die schwere multisystemische Erschöpfung der Zellen in den Organen mit aufgebrauchter Energie, was sich etwa im chronischen Müdigkeitssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome, CFS) zeigt.
5. Etwa 30 Prozent der Betroffenen leiden zusätzlich unter einer „Spikeopathie“: Spikeproteine sind weiterhin im Körper nachweisbar. Wie unter 3. und 4. beschrieben, kann das Spikeprotein immer wieder die Bildung der GPCR-Autoantikörper provozieren. Hinzu kommen weitere negative gesundheitliche Folgen: So tritt eine anhaltende Entzündungsreaktion ein, da das Immunsystem versucht, dieses Spikeprotein zu eliminieren. Zudem hat das Spikeprotein die Eigenschaft, das Blut zu vielen Mikrothromben zu veranlassen. Warum eine solche „Spikeopathie“ nur bei einigen, aber nicht allen Patienten auftritt, gehört zu den ungeklärten Fragen.
Integrativmedizinische Therapie mit„off label use“: „Blutwäsche“, Ganzkörperhyperthermie und Medikamente
Am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe werden vor allem Patienten mit mittelschwerer bis sehr schwerer Symptomatik behandelt. Um die durch die Corona-Infektion hervorgerufenen bioaktiven Auto-Antikörper zu entfernen, „ist die Immunadsorptionsapherese oder umgangssprachlich ,Blutwäsche‘ im Rahmen von Integrativer Medizin derzeit die effizienteste Therapie“, so Prof. Harald Matthes. Bei dieser speziellen Form der Blutreinigung wird über einen Venenzugang der flüssige Teil des Blutes, das Plasma, von den Auto-Antikörpern gereinigt. Fünf ambulante Sitzungen am Zentrum für Immuntherapien/Apheresezentrum binnen 14 bis 16 Tagen reduzierten diese deutlich, sodass das Immunsystem sich häufig wieder selbst regulieren könne. „Wir setzen für diese Therapie einen Filter ein, der seit 30 Jahren erprobt ist und gesichert die Auto-Antikörper aus dem Plasma herausholt“, betont der Ärztliche Leiter. „Diese Blutwäsche ist nicht mit INUSperese oder H.E.L.P Apherese vergleichbar, die ebenfalls als Blutwäsche bezeichnet werden.“ Ganzkörperhyperthermie kann diesen Prozess bei Bedarf unterstützen. Dabei wird der Körper auf ein künstliches Fieber bis maximal 39,5 Grad Celsius erwärmt, sodass sich die Auto-Antikörper leichter von den Rezeptoren lösen und aus dem Gewebe besser ausgewaschen werden können.
„Liegt zusätzlich eine Spikeopathie vor, muss diese zuvor mit verschiedenen Medikamenten wie unter anderem Ivermectin und Enzymen eliminiert werden“, erklärt Prof. Harald Matthes. Auch hierbei sei die Ganzkörperhyperthermie hilfreich, da eingekapselte Spikeproteine (in Exosomen) gelöst und unschädlich gemacht werden. „Werden vorhandene Spikeproteine nicht zuvor entfernt, ist die Blutwäsche nicht nachhaltig erfolgreich, da permanent Auto-Antikörper nachproduziert werden.“
Zwei Studien zur Effektivität der Ganzkörperhyperthermie sowie zur Apherese („Blutwäsche“) sind abgeschossen, werden aber erst noch veröffentlicht. Als Zwischenergebnisse nennt Prof. Harald Matthes, dass die Ganzkörperhyperthermie (plus Medikamente) verbliebene Spikeproteine bei 60 Prozent der Patienten beseitigen kann; die „Blutwäsche“ verbessere bei rund 70 Prozent der Patienten signifikant die Werte des SF36-Fragebogens zur Lebensqualität. Damit wird nach dem allgemeinen Gesundheitszustand sowie unter anderem nach Müdigkeit, Schmerzen und Belastungstoleranz gefragt. Auch nach eineinhalb Jahren seien die Effekte anhaltend. Warum nicht allen Patienten entsprechend geholfen werden könne, müsse noch weiter erforscht werden. Eine Studie am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe mit dem Medikament BC007 zur Behandlung von Post Covid zeigte nach Angaben von Prof. Harald Matthes teilweise „starke Effekte und Heilungen“, musste aber aufgrund der Insolvenz des Sponsors abgebrochen werden. „Es steckt noch viel Potenzial in dieser Substanz“, betont Prof. Harald Matthes.
Zusätzlich: multimodale naturheilkundlich-anthroposophische Komplextherapie
Der multimodalen naturheilkundlichen Komplextherapie steht eine Vielzahl an verschiedenen Therapiebausteinen zu Verfügung, die für jeden Patienten neu kombiniert werden. Sie ähneln sich in verschiedenen integrativmedizinischen Kliniken und basieren auf fünf Säulen, wie sie auch die Kneippmedizin kennt: eine ausgewogene Ernährung, Bewegungstherapie, in diesem Fall mit „Pacing“ (Belastungsmanagement), Phytotherapie (Pflanzenheilkunde, ergänzend zu herkömmlicher Pharmakotherapie) sowie Ordnungstherapie oder moderner: Mind-Body-Medizin (u. a. Stressreduktion mit Entspannungsverfahren und Achtsamkeit, Kunsttherapie, Einzel- und Gruppengespräche). Am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe nutzen die Ärzte zudem komplementärmedizinische Verfahren aus der Anthroposophischen Medizin, darunter Musiktherapie, Rhythmische Massagen sowie anthroposophische Medikamente: So haben sich Arnika (Bergwohlverleih) und Helleborus niger (Christrose) bei der Behandlung von Brain Fog bewährt.
Ganzheitliche Herangehensweise: Selbstheilungskräfte und Selbstwirksamkeit fördern
Die ganzheitliche Herangehensweise ist nicht nur individueller als konventionelle Ansätze. Sie ist zudem von einem anderen Bild des Menschen geprägt: Die naturheilkundlichen Verfahren sollen gezielt das Immunsystem stimulieren, die Selbstheilungskräfte anregen und damit die Selbstregulation des Organismus fördern. Körper, Seele und Geist werden als Einheit begriffen. Verfahren der Mind-Body-Medizin sollen explizit auch die Psyche stärken und darüber den Körper. Zentral ist die Motivation zu Lebensstilmodifikationen. Die Patienten erhalten viele Methoden an die Hand, die sie zu Hause anwenden können. Eine solche integrativmedizinische Aktivierung erhöht die Selbstwirksamkeit, reduziert nachweislich Stress und fördert die dringend benötigte Regenerationsfähigkeit des Organismus. Beim Post-Covid-Syndrom muss der Kräfteaufbau jedoch langsam beginnen, um einen „Crash“ zu vermeiden: „Die eigenen Grenzen müssen sorgsam beachtet und nur schrittweise ausgedehnt werden“, betont Prof. Harald Matthes, „andernfalls kann es häufig zu länger anhaltenden Einbrüchen in die eigene Kraft kommen.“ Im Vordergrund stehe zunächst die aktive Neugestaltung „des eigenen Lebensgleichgewichts“: „Hilfreich sind Sinnes- und Achtsamkeitsübungen zur Stärkung der Selbstwahrnehmung sowie achtsame Naturbegegnungen.“ Viele Patienten erlebten durch die langwierige kräftezehrende Erkrankung auch Phasen der Angst. Äußere Anwendungen wie Herzauflagen, Baucheinreibungen oder Nierenwickel mit anthroposophischen Rezepturen könnten das Vertrauen in den eigenen Körper und das eigene Sein wieder fördern. 3
Die Kosten für die ambulante multimodale Therapie am Krankenhaus Havelhöhe übernehmen alle Krankenkassen. Die Off-Label-Use-Arzneimittel zur Behandlung der Spikeopathie werden von den meisten Krankenkassen nicht erstattet. Die Immunadsorptionsapherese wird derzeit noch von vielen Krankenkassen im Rahmen einer Erprobungsregelung finanziell übernommen.
„Entwicklung evidenzbasierter, standardisierter Therapieverfahren dringend geboten!“
Einige Mediziner erachten das Post Covid-Syndrom als eine psychosomatische Erkrankung. Prof. Harald Matthes sieht dies anders: „Es handelt sich um eine Autoimmunreaktion, bei der bestimmte Auto-Antikörper gebildet werden. Es können eindeutige somatische Befunde erhoben werden.“ Eine psychosomatische Begleiterkrankung wie eine Depression oder Angsterkrankung sei möglich, aber nicht die Ursache. „In Anbetracht der steigenden Zahlen an Post Covid-Patienten und der Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und die Gesellschaft ist die Notwendigkeit der Entwicklung evidenzbasierter, standardisierter Therapieverfahren dringend geboten.“ Unabhängig vom individuellen Leid der Patienten hat kürzlich die ME/CFS Research Foundation die gesellschaftlichen Kosten der Erkrankung allein in Deutschland und nur für 2025 auf etwa 64,4 Milliarden Euro beziffert.4
„Wir gehen davon aus, dass das Post Covid-Syndrom eine überschießende Immunreaktion ist, bei der sich spezielle Auto-Antikörper nachweisen lassen. Die effizienteste Therapie, diese zu entfernen, ist derzeit die ,Blutwäsche‘ im Rahmen von Integrativer Medizin.“
Prof. Dr. Harald Matthes, Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin
Quellen:
1 Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue Syndrom (ME/CFS)
dazu auch: https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/
2 https://cfc.charite.de/klinische_studien/nksg/
3 (https://www.pflege-vademecum.de)
4 https://mecfs-research.org/costreport-long-covid-and-mecfs/