Integrative Medizin als wirksame Hilfe zur Selbsthilfe

© Privat

Pilotstudie liefert Hinweise: Kneippgüsse könnten RLS-Symptome lindern, Akupressur vor allem die Lebensqualität verbessern

Der unbändige Drang, sich bewegen zu müssen, Missempfindungen wie Kribbeln und Taubheitsgefühle in Beinen oder Armen sowie Schmerzen: Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) hat sich zu einem Volksleiden entwickelt, etwa jeder Zehnte ist davon betroffen. Die konventionelle Medizin therapiert die sensomotorische Störung bisher vor allem mit Medikamenten, die aber nicht immer wirken. Hoffnung machen zwei komplementärmedizinische Ansätze: Kneippgüsse und Akupressur, wie Dr. med. Julia Siewert im Interview berichtet. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin hat im April 2025 dazu mit Kollegen eine erfolgreiche Pilotstudie veröffentlicht, die von der Karl und Veronica Carstens-Stiftung gefördert wurde.1

Etwa jeder zehnte Einwohner in Deutschland leidet unter dem Restless-Legs-Syndrom. Was ist das für eine Erkrankung?

Beim RLS handelt es sich um eine neurologische Erkrankung, die häufig vorkommt. Die Zahlen gehen weltweit von drei bis 25 Prozent aus, vor allem in europäischen Industrienationen sind sie höher. Die Betroffenen spüren vor allem abends und nachts einen starken Bewegungsdrang in den Beinen, manchmal auch in den Armen. Dazu treten oft quälende Missempfindungen auf. Viele Betroffene leiden unter Schlafstörungen. Die Ursache ist noch unklar.

Welche konventionellen Therapieverfahren gibt es?

Neurologen setzen in der Regel medikamentöse Behandlungen ein, die jedoch nicht immer die gewünschte Wirkung erzielen und mitunter von Nebenwirkungen begleitet sein können. Einige Betroffene berichten, dass sich ihre Beschwerden unter der Medikation nicht verbessern oder aber verstärken. Diese Beobachtungen unterstreichen den Bedarf, ergänzende komplementärmedizinische Ansätze in diesem Bereich wissenschaftlich zu erforschen.

Sie haben das an der Charité getan und im April 2025 dazu eine erfolgreiche Studie vorgelegt. Demnach können Kneippanwendungen und Akupressur die Beschwerden lindern.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass tägliche Wasseranwendungen und Akupressurbehandlungen über einen Zeitraum von sechs Wochen nicht nur die Lebensqualität verbessern könnten. Insbesondere gibt es Hinweise darauf, dass die Kneippanwendungen die Beschwerden in einem klinisch relevanten Maße lindern könnten. Vor diesem Hintergrund erscheint eine sinnvolle Integration von medikamentösen und komplementären Verfahren möglich.

Wie sieht die Behandlung mit dem Verfahren der Hydrotherapie genau aus?

Bei der Hydro- oder Wassertherapie nach Kneipp haben wir Kaltwasser- oder wechselwarme Güsse angewendet. Nach einer ersten Anleitung durch uns ließ sich das zu Hause leicht in die morgendliche Routine der Patienten integrieren: Die Studienteilnehmer konnten selbst Knie- oder auch Armgüsse machen sowie Gesichtsgüsse bei Müdigkeit. Die genauen Ursachen des Restless-Legs-Syndroms sind bislang nicht vollständig geklärt. Es handelt sich um eine multifaktorielle Erkrankung, bei der insbesondere Störungen im Dopamin- und Eisenstoffwechsel eine zentrale Rolle spielen. Darüber hinaus weisen verschiedene Studien auf die Bedeutung von Hypoxie, also einem Sauerstoffmangel im Gewebe, in der Pathogenese des RLS hin. Unser Ansatz setzt an diesem möglichen Mechanismus an: Durch regelmäßige Kaltwasseranwendungen soll die periphere Durchblutung gezielt gefördert und damit potenziell die Sauerstoffversorgung des betroffenen Gewebes verbessert werden.

Und wie wirkt sich Akupressur aus?

Es gibt Studien, die positive Effekte von Akupunktur beim Restless-Legs-Syndrom zeigen. Während bei der Akupunktur Nadeln zur Stimulation von Meridianpunkten eingesetzt werden, erfolgt diese bei der Akupressur durch manuellen Druck. Das hat den Vorteil, dass die Patienten selbst aktiv sein können. Gemeinsam mit der Deutschen Restless Legs Vereinigung (RLS e.V.), der größten RLS-Selbsthilfegruppe in Deutschland, haben wir dazu eine Anleitung erstellt, die auch Hydrotherapie umfasst. Komplementärmedizinische Ansätze ergänzen die konventionelle Medizin durch häufig alltagsnahe Verfahren, die die Eigenaktivität und Gesundheitskompetenz der Patienten fördern können. Sie bieten individuell anpassbare Methoden, um das persönliche Wohlbefinden zu stärken und die Selbstwirksamkeit im Umgang mit der eigenen Gesundheit zu unterstützen.

Wie wichtig ist gerade diese Selbstwirksamkeit für den Krankheitsverlauf?

Die aktive Mitwirkung der Patientinnen und Patienten stellt einen wichtigen Einflussfaktor auf den Umgang mit der Erkrankung und die Verbesserung der Lebensqualität dar. Sie kann in einigen Fällen auch Heilungsprozesse unterstützen. Wenn die Betroffenen verstehen, welche Einflussmöglichkeiten sie selbst auf ihre Gesundheit haben und darin bestärkt werden, diese auch umzusetzen, kann dies den Genesungsverlauf positiv beeinflussen. Besonders deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang bei psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen. Beim Restless-Legs-Syndrom treten häufig komorbide psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen auf, was auf eine enge Verbindung zwischen körperlichen und psychischen Prozessen hinweist.

Gibt es auch eine Studie zur Kosteneffizienz von Kneippanwendungen und Akupressur?

Das gibt es bisher nicht. Studien haben aber gezeigt, dass das Restless-Legs-Syndrom hohe Kosten im Gesundheitssystem verursacht.2 Das liegt nicht nur an den Ausgaben für verordnete Medikamente. Die Patienten werden häufig auch falsch diagnostiziert und erhalten nicht die erforderliche Behandlung. Sie suchen weiter nach Hilfe und haben deshalb viele Arztkontakte, die nicht erforderlich wären. Hinzu kommen hohe sozioökonomische Kosten, weil die Betroffenen teilweise nicht mehr oder nur eingeschränkt arbeiten können.

Sie sind Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit Weiterbildung in Naturheilverfahren. Wieso haben Sie sich dafür entschieden?

Mein Interesse an Naturheilverfahren ist vor allem durch die zunehmenden Nachfragen von Patientinnen und Patienten gewachsen. Viele wollten wissen, welche ergänzenden Maßnahmen, zusätzlich zu pharmakologischen oder psychotherapeutischen Verfahren, sinnvoll sein könnten. Dabei wurde deutlich, dass ein wachsendes Bedürfnis besteht, nicht nur eine Diagnose zu erhalten, sondern als ganzer Mensch wahrgenommen zu werden. Die Integrative Medizin bietet hier eine wertvolle Brücke: Sie verbindet die wissenschaftlich fundierten Methoden der konventionellen Medizin mit ergänzenden Verfahren aus der Naturheilkunde. Dadurch entsteht ein ganzheitlicher Ansatz, der die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten stärker in den Mittelpunkt rückt.

Was ist Ihnen persönlich daran besonders wichtig?

Mich persönlich begeistert, dass die Integrative Medizin zusätzliche Optionen eröffnet, die verantwortungsvoll in die Therapie einbezogen werden können. So lassen sich die Stärken verschiedener Ansätze miteinander kombinieren mit dem Ziel, für jeden Menschen die bestmögliche Behandlung zu gestalten.

Sollten komplementäre Verfahren deshalb in die medizinischen Behandlungsleitlinien mit aufgenommen werden?

Unbedingt. Die Studien sollen so gut durchgeführt werden, dass sie die Wirksamkeit aussagekräftig belegen und dann in den Leitlinien berücksichtigt werden können. Studien zu Akupunktur etwa deuten auf eine Verringerung der Symptome des Restless-Legs-Syndroms hin. Trotzdem bräuchten wir hier noch eine hochqualitative Studie, um die Wirksamkeit endgültig zu belegen. Das gilt auch für unsere aktuelle Studie zu Hydrotherapie und Akupressur.

Woran forschen Sie als nächstes?

Im März 2025 haben wir, gefördert von der Carstens-Stiftung und der RLS e.V., eine Studie begonnen mit Aktiv-Wach-Hypnose und Verhaltenstherapie beim Restless-Legs-Syndrom. Hypnose ist inzwischen ein anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren. Aktiv-Wach-Hypnose ist eine sehr moderne Variante davon. Dabei wird Hypnose eingesetzt, bei der die Patienten teilweise mit offenen Augen eine monotone Bewegung ausführen, etwa
Pedaltreten. Wir kennen das aus dem Leistungssport: Wiederholt man eine monotone Bewegung, setzt irgendwann eine gewisse Trance ein. Diesen natürlichen Effekt nutzen wir. Ebenso die Tatsache, dass unsere Patienten ohnehin einen Drang nach Bewegung verspüren. In der Aktiv-Wach-Hypnose versuchen wir dann, die belastende Symptomatik umzubewerten: Unter Hypnose ist die Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung verändert. Wir erhoffen uns, dass sich durch die Hypnose die Beschwerden des RLS reduzieren lassen.

Welche Rolle spielt Stress im Rahmen der Indikation?

Stress hat einen Einfluss auf das Restless-Legs-Syndrom, er kann die Symptome verstärken. Deshalb versuchen wir, Stress auch durch Entspannung zu reduzieren. Wir möchten die Ressourcen unserer Patienten verwenden und stärken: So suchen wir gemeinsam nach individuell passenden Wegen, wie sie einen neuen Umgang mit ihrer Erkrankung finden oder psychisch belastenden Stress besser bewältigen können. Denn umgekehrt zeigt sich: Wer sich nicht als selbstwirksam erlebt, empfindet häufig auch ein höheres Maß an Stress.

„Es gibt Hinweise darauf, dass Kneippanwendungen die Beschwerden des Restless-Legs-Syndroms in einem klinisch relevanten Maße lindern könnten.“

Dr. med. Julia Siewert, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Hochschulambulanz für Naturheilkunde und Prävention der Charité in Berlin

VITA
Dr. med. Julia Siewert

Nach ihrem Medizinstudium in Tübingen arbeitete Dr. med. Julia Siewert während ihrer Facharztausbildung in Berlin in der klinischen und ambulanten psychiatrischen und neurologischen Versorgung. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit dem Schwerpunkt tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie verfügt sie über zusätzliche Qualifikationen und klinische Erfahrung u. a. in Hypnose, Schematherapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), Autogenes Training sowie Naturheilkunde. Sie lehrt am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité, wo sie auch komplementärmedizinische Studien koordiniert. Sie ist zudem an der dortigen Hochschulambulanz für Naturheilkunde und Prävention tätig.

Foto: privat

Quellen:
1 Kubasch J, Ortiz M, Binting S, Roll S, Icke K, Dietzel J, Nögel R, Hummelsberger J, Willich SN, Brinkhaus B, Teut M and Siewert J (2025) Hydrotherapy and acupressure in restless legs syndrome: resultsof a randomized, controlled, three-armed, pilot study (HYDRAC-study). Front. Med. 12:1571045. doi: 10.3389/fmed.2025.1571045
2 Trenkwalder C, Tinelli M, Sakkas GK, Dauvilliers Y, Ferri R, Rijsman R, Oertel W, Jaarsma J. Socioeconomic impact of restless legs syndrome and inadequate restless legs syndrome management across European settings. Eur J Neurol. 2021 Feb;28(2):691-706. doi: 10.1111/ene.14582. Epub 2020 Nov 25. PMID: 33043569
Reinhold T, Müller-Riemenschneider F, Willich SN, Brüggenjürgen B. Economic and human costs of restless legs syndrome. Pharmacoeconomics. 2009;27(4):267-79. doi: 10.2165/00019053-200927040-00001. PMID: 19485424

Zurück zur Übersicht