Mit der Buteyko-Atemtherapie die Atemnot endlich im Griff

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Integrative Medizin: signifikante Linderung für Asthma-Patienten

Eine Forschergruppe in Filderstadt um den Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin Dr. med. Jan Vagedes (Filderklinik, Uni Tübingen und ARCIM Institute) und seine Frau Dr. med. vet. Katrin Vagedes (ARCIM Institute) ist im vergangenen Jahr mit dem Holzschuhpreis für Komplementärmedizin ausgezeichnet worden.1 Die Experten konnten im Rahmen einer Studie zeigen, dass Atemübungen nach der sogenannten Buteyko-Methode Menschen mit Asthma signifikant Linderung verschaffen können: Die allgemeine Leistungsfähigkeit verbesserte sich, Medikamente konnten reduziert werden und Teilnehmenden gelang es, Atemnot selbstständig in den Griff zu bekommen. Asthma nimmt weltweit zu und gilt auch in Deutschland als Volkskrankheit. Am morgigen Mittwoch, 6. Mai, wird deshalb der Welt-Asthmatag begangen.

Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Holzschuh-Preis 2025. Was macht die sogenannte Buteyko-Atmung für Menschen mit Asthma so besonders?

Dr. Katrin Vagedes (KV): Vielen Dank. Wir hatten sehr berührende Rückmeldungen in der Studie: Manche Patienten haben erlebt, wie sie sich in Stresssituationen, in denen sich wieder Atemnot aufzubauen begann, mit der Buteyko-Atemtechnik selbst beruhigen konnten – und nichts geschah.2 Das ist großartig für diese Menschen. Sie können zwar immer ein Notfallspray nutzen, aber die Abhängigkeit von einem Medikament und die eigene Hilflosigkeit können sehr belastend sein. Mit der Buteyko-Atmung haben die Patienten wieder Selbstwirksamkeit erlebt. Das steigert enorm die Lebensqualität.
Dr. Jan Vagedes (JV): Für viele war die Atemtechnik ein richtiger ,Gamechanger’, also eine entscheidende Veränderung. Wir konnten in der Studie zudem zeigen, dass es durch das Üben der Buteyko-Atmung auch im Ruhezustand zu einer Entspannung der Lunge kommt und sich das sogenannte Totraumvolumen vergrößert. Symptome haben sich verringert, und manche Teilnehmenden konnten sogar Medikamente reduzieren. Bei einer weiteren Studie mit Kindern waren die Effekte in der Lungenfunktion noch deutlicher, vielleicht, weil das Gewebe jünger ist und sich noch besser regeneriert.3

Was genau ist die Buteyko-Atmung?

JV: Bei Asthma oder chronischen Atemwegserkrankungen, aber auch durch chronisch-latenten Stress neigen manche Menschen dauerhaft zu einer latenten Hyperventilation: Sie atmen zu viel Luft ein und aus und können dann ein Atem-Minuten-Volumen von bis zu 14 Litern pro Minute haben. Mit der Buteyko-Atemtechnik ist es möglich, wieder zu einem normalen Atemminutenvolumen von etwa sieben Litern Luft pro Minute zurückzufinden.
KV: Die Buteyko-Atmung hilft dabei, sich seines Atemmusters überhaupt erst einmal bewusst zu werden. Das ist wichtig, denn schon in der Ruhe atmen diese Menschen deutlich mehr, als sie bräuchten. Meist kommt noch Mundatmung dazu und eine brustbetonte Atmung bei gleichzeitig zu vielen Atemzügen. Das ist für die Sauerstoffversorgung nicht nur unnötig, sondern kann auch negative gesundheitliche Folgen haben.

Welche negativen Folgen hat Überatmung oder Hyperventilation für den Organismus?

JV: Unser Körper ist unglaublich weise gebaut, und kleinste Abweichungen im System können starke Auswirkungen haben. Ist das Atemminutenvolumen erhöht, wird mit dem Ausatmen zu viel Kohlendioxid abgeatmet und dessen Gehalt im Blut sinkt. Krankhafte Atemmuster mit der Neigung zur Hyperventilation verändern die Fähigkeit des Blutes, Sauerstoff aus der Atemluft zu binden und im Körpergewebe an die entsprechenden Zellen abzugeben. Etwas unwissenschaftlich gesprochen könnte man sagen: Der Sauerstoff klebt zu stark am roten Blutfarbstoff Hämoglobin. Er kann nicht adäquat losgelassen werden, und so kommt es in den Tiefen des Körpers zu einem echten Sauerstoffmangel. Diese Verschiebung der Sauerstoffbindungsfähigkeit bezeichnet man als ,Bohr-Effekt‘.

Das klingt nach möglichen Symptomen wie bei einer Panikattacke, mit Schwindel, Muskelkrämpfen, kribbelnden Händen oder auch Herzrasen?

KV: Tatsächlich zeigt eine Panikattacke das ganze Geschehen wie im Zeitraffer. Der Stoffwechsel entgleist unter anderem, weil der Sauerstoff ungenutzt im Blut zirkuliert. Bei der chronisch latenten Hyperventilation kommt es in ganz langsamen Schritten ebenfalls dazu, weil die Sauerstoffversorgung der Körperzellen konstant beeinträchtigt ist.
JV: Und umgekehrt, wenn die Menschen mit der Buteyko-Atmung lernen, mit weniger Atemminutenvolumen als bisher auszukommen. Dadurch wird Kohlendioxid wieder in einer normalen Menge im Körper zurückgehalten, und an das Blut gebundener Sauerstoff kann wieder besser an die Zellen abgegeben werden. Das nehmen die Patienten auch wahr: Sie fühlen sich auf einmal weniger erschöpft und viel leistungsfähiger. Auch die Organfunktionen verbessern sich. Wird wieder mehr Kohlendioxid zurückbehalten, hat das zudem Effekte wie ein Beruhigungsmittel, auch psychisch. Das Körperliche wirkt damit unmittelbar auf das Seelische zurück. Steigt der CO₂-Spiegel im Blut, entspannt sich die glatte Muskulatur in den Blutgefäßen des Gehirns und der Körperperipherie, und die Bronchien werden erweitert. Sinkt er, kommt es zu Anspannung und Verengung, was Atemnot und eben auch Asthmaanfälle begünstigen kann.

Wie ist das konkret bei Asthma, was Sie ja speziell untersucht haben?

KV: Asthma ist meist mit einer chronischen Entzündung der Atemwege verbunden: Dadurch verdicken sich die Wände der Bronchien, was schon allein zu einer Verengung führt. Hinzu kommt die erwähnte Anspannung der glatten Muskulatur, aber auch die vermehrte Bildung von zähem Schleim. Mithilfe der Buteyko-Atmung schaffen es die Menschen mit latenter Hyperventilationsneigung, ihre Atmung wieder auf Normalmaß zu reduzieren, sodass die Neigung zur Verkrampfung der glatten Muskulatur deutlich zurückgeht. Sie kann sich entspannen.
JV: Asthma kann viele Ursachen haben, es kann von Allergien hervorgerufen werden, durch Anstrengung, Infekte, psychosomatische Beschwerden oder meist einer Mischung hiervon. Wer, aus welchen Gründen auch immer, wiederholt Situationen erlebt, in denen er nicht richtig Luft bekommt, ist tendenziell gestresst. Und einige dieser Menschen neigen dann zur Hyperventilation, die das Ganze noch verstärken kann. Natürlich nehmen viele Teilnehmende an der Studie nach wie vor Medikamente, aber wir konnten zeigen, dass die Anzahl der Asthmaanfälle durch die Therapie zurückgegangen ist. Die Patienten berichteten uns, dass die Anfälle zurückkommen, wenn sie die Übungen nicht machen, sodass sie regelmäßig dabeigeblieben sind. Trotzdem ist es uns wichtig zu betonen, dass die Buteyko-Atmung kein Allheilmittel bei Asthma ist. Es gibt auch Betroffene, die nicht hyperventilieren. Die modernen Medikamente, ob bronchienerweiternde Medikamente, Steroide oder Biologika, die nach dem offiziellen Asthmastufenplan verschrieben werden, sind wichtig und werden von uns in ihrer ganzen Breite geschätzt und empfohlen. Schön ist, wenn man diese modernen Medikamente durch die Buteyko-Atmung ergänzt und damit eine ganzheitliche Medizin verwirklicht.

Sie sind selbst Neonatologe, Diabetologe, Endokrinologe und Kinderarzt – und verbinden auch als Leitender Arzt (Kinderdiabetologie und Kinderendokrinologie) an der Filderklinik Ihre Arbeit mit komplementärmedizinischen Verfahren.

JV: Ich arbeite in der Filderklinik auch auf der Neugeborenen-Station. Aber auch aus anderen Zusammenhängen weiß ich, wie segensreich moderne Medikamente wirken können. Trotzdem gibt es viele Bereiche, wo man mit komplementärmedizinischen, integrativmedizinischen Ansätzen evidenzbasiert helfen kann. Deshalb ist es wichtig, sich darüber auszutauschen und solche Konzepte weiterzuentwickeln. Es wäre unethisch, Menschen die Buteyko-Atmung vorzuenthalten, denen sie helfen könnte.
KV: Unser Anliegen ist deshalb eine umfangreichere Studie, mit der wir erforschen können, wer tatsächlich und in welchem Umfang von der Methode profitiert.

Wäre die Buteyko-Atmung nicht generell empfehlenswert bei Stress und dadurch übersteigerter Atmung? Auch als Prävention, die sich im Schulunterricht vermitteln ließe?

KV: Absolut. Es gibt viele Menschen, die gestresst sind und so dazu neigen, zu viel ein- und auszuatmen. Sie alle würden von der Buteyko-Atmung profitieren. Das gilt auch für lungengesunde Menschen.
JV: Eine schöne Idee. Asthma entwickelt sich oft schon im Kindesalter. Bei steigenden Krankenkassenbeiträgen wird es umso wichtiger, nach ergänzenden, effektiven und dabei kostengünstigen Therapieverfahren zu suchen.

Wer hat die Buteyko-Atmung erfunden, und wie funktioniert sie?

KV: Die Methode stammt von dem russischen Arzt und Wissenschaftler Konstantin Pawlowitsch Buteyko. Bei den Übungen geht es im Kern darum, Nasenatmung zu praktizieren, die Atmung bewusst zu reduzieren, bis hin zu einem leichten Luftwunsch, und Atempausen einzulegen. So lässt sich mit der Zeit das übersteigerte Atemminutenvolumen auf ein Normalmaß verringern.

Wie sah das in der Studie aus?

KV: Teilgenommen haben ambulant 60 Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen an Asthma erkrankt waren. Die eine Hälfte hat über drei Monate hinweg die Buteyko-Methode angewendet. In der ersten Woche haben wir intensiv die Technik vermittelt. Es ist wichtig, die Übungen richtig auszuführen, um negative Effekte zu vermeiden. Für die meisten Patienten tat sich eine ganz neue Welt auf, als sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben aktiv mit ihrer eigenen Atmung beschäftigt haben. Dann haben die Patienten zu Hause geübt und Fragebögen ausgefüllt, etwa zu der Frage, wie oft am Tag Atemnot aufgetreten ist, wie oft sie nachts mit Atemnot aufgewacht sind oder wie oft es in der Woche zu einem Asthmaanfall gekommen ist. Das hat sich in der Interventionsgruppe alles deutlich verbessert.

Wie ist der Langzeiteffekt?

JV: Dazu können wir leider keine Aussage machen, auch deshalb wäre eine umfangreichere Studie wünschenswert.
KV: Wir haben aber Einzelrückmeldungen von Teilnehmenden, die sich auch nach dem Ende der Studie bei uns gemeldet haben. Ein Patient etwa hat einen körperlich sehr fordernden Beruf. Er hat sich angewöhnt, jeden Morgen vor der Arbeit seine Atemübungen zu machen und kommt damit sehr gut durch seinen Alltag. Wir wissen auch, unabhängig von unserer Studie, von Sportlern, die zuvor Medikamente genutzt haben, um ihr Asthma beim Sport zu kontrollieren. Einige können darauf verzichten, wenn sie vor dem Sport die Buteyko-Atmung praktizieren. Dann halten sie durch und fühlen sich fit.

Haben Sie die Buteyko-Atmung selbst erlernt?

JV: Ja, und zwar von den australischen Buteyko-Lehrenden Jocelyn und John Wilson. John war selbst schwerst asthmakrank. Inzwischen ist er in seinen Achtzigern, seit vielen Jahren beschwerdefrei, braucht keine Medikamente mehr und läuft bei uns in der Klinik, wenn er zu Besuch ist, problemlos in den vierten Stock. Das ist schon beeindruckend.

„Mit der Buteyko-Atemtechnik haben sich Symptome verringert, manche Patienten konnten Medikamente reduzieren, und die Zahl der Asthmaanfälle ging zurück.“

Dr. med. Jan Vagedes, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an der Filderklinik in Filderstadt sowie wissenschaftlicher Leiter des ARCIM Institutes

Vita Dr. Katrin und Dr. Jan Vagedes

Dr. Katrin Vagedes hat Tiermedizin in Gießen und München studiert und forscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Filderstadt am ARCIM Institute zu Integrativmedizin. Der Instituts-Name steht für „Academic Research in Complementary and Integrative Medicine”. Dr. Jan Vagedes ist der wissenschaftliche Leiter des Instituts, Lehrbeauftragter der Universität Tübingen, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Arzt für Anthroposophische Medizin (GAÄD). Von 2019 bis 2025 leitete er als Chefarzt die Kinderabteilung an der Filderklinik. Dr. Vagedes studierte Philosophie und Medizin in München. Die Ausbildung zum Neonatologen absolvierte er an der Universitäts-Kinderklinik in Tübingen.


Foto: Privat

Quellen:
1 https://www.filderklinik.de/ und https://www.arcim-institute.de
2 https://link.springer.com/article/10.1186/s40001-023-01634-1
3 https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0965229920318495

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