Neues Gesundheitsgefühl dank integrativmedizinischer Pflege
Unterschätzte Co-Therapeuten: Wickel, Einreibungen und Fußbäder bei chronischen und akuten Erkrankungen
Seit Anfang Januar 2026 untersucht ein Forscherteam an der Universität Tübingen (Baden-Württemberg), wie komplementärmedizinische Anwendungen in der Pflege evidenzbasiert eingesetzt werden können. An der Klinik für Integrative Medizin in Heidenheim etwa sind Wickel, Auflagen, Einreibungen und Fußbäder schon lange ein wesentlicher Teil der Therapiepläne. Was sie aus medizinischer Sicht unverzichtbar macht, schildern die Internisten und leitenden Ärzte Dr. Tobias Daumüller, Dr. Ulrich Geyer und Dr. Andreas Laubersheimer.
Herr Dr. Geyer, werden Wickel, Auflagen und andere Anwendungen der integrativmedizinischen Pflege in ihrer medizinischen Wirkung unterschätzt?
Dr. Ulrich Geyer (UG): Ja, das glaube ich schon. Pflegerische äußere Anwendungen haben bei uns einen sehr hohen Stellenwert: Sie machen 50 Prozent aller Interventionen aus, 25 Prozent entfallen auf Gespräche und 25 Prozent auf andere Therapiemaßnahmen wie etwa Medikation.
Inwiefern unterstützen solche Anwendungen die Genesung?
UG: Kommen in der Therapie noch Wickel hinzu, hat das einen viel größeren Effekt auf den Heilungsverlauf. Zum einen machen wir die Wickel ja nicht nur mit warmem Wasser, sondern verwenden dazu auch pflanzliche Substanzen wie Schafgarbe, Ingwer oder Rosmarin, die eine therapeutische Wirkung haben. Zum anderen sind Wickel für die Patienten angenehm und vermitteln ihnen ein Gefühl von Geborgenheit, Angenommen-Sein und letztlich Wohlbefinden.
Wohlbefinden reduziert Stress, sodass die Regeneration besser einsetzen kann. Wie wichtig ist das für Sie als Mediziner?
UG: Sehr wichtig. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Immunsystem sich durch positive Gefühle stimulieren lässt. Wir wissen auch, dass etwa eine Grippe länger dauert, wenn ich damit zum Arzt gehe und mich dieser nicht freundlich behandelt – und natürlich auch umgekehrt. Bei uns erhält jeder Patient bis zu vier Wickel oder Einreibungen am Tag. Durch diese Zuwendungen entwickeln die Patienten auch eine besondere Beziehung zu unseren Krankenschwestern, die fast alle zusätzlich in anthroposophischer Pflege ausgebildet sind. Auch das ist für die Heilung sehr förderlich.
Bei welchen Krankheitsbildern kommen pflegerische Anwendungen zum Einsatz?
r. Andreas Laubersheimer (AL): Prinzipiell behandeln wir alle Krankheitsbilder. Ausnahmen sind akute Psychosen sowie Patienten, die akut operiert oder intensivmedizinisch versorgt werden müssen. Auf Wunsch können wir diese aber mit behandeln. Zu uns kommen Menschen mit akuten Erkrankungen wie Lungenentzündungen, Nierenbeckenentzündungen, schweren Bronchitiden bei chronischer Lungenvorerkrankung (COPD) oder etwa entzündlichen Darmerkrankungen mit einem akuten Schub. Außerdem behandeln wir neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose. Zwei besondere Schwerpunkte bei uns sind Schmerzsyndrome – hervorgerufen etwa durch einen Bandscheibenvorfall, durch Fibromyalgie oder etwa chronische Rückenschmerzen – sowie Erschöpfungssyndrome, zum Beispiel in Verbindung mit einer Depression oder einer Burnout-Situation. Wenn Menschen sich nicht mehr vital erleben und in ihrem Leben keine ausreichenden Kräfte mehr zur Verfügung haben, können wir sehr oft eine Veränderung bewirken. Bei all diesen Erkrankungen kommen Wickel und äußere Anwendungen zum Einsatz.
Wie setzen Sie bei Erschöpfung Wickel und Auflagen konkret ein?
UG: Ein Beispiel: Zu uns kam ein knapp 50-jähriger Mann, der nach einem viralen Infekt ein Jahr zuvor so erschöpft war, dass er seitdem krankgeschrieben war. Neben verschiedenen Medikamenten aus der Naturheilkunde erhielt er täglich unter anderem einen Schafgarben-Leberwickel. Schon nach einer Woche Therapie fühlte er sich so fit wie im ganzen letzten Jahr nicht mehr. Nach drei Wochen konnten wir ihn entlassen. Und schließlich wurde er wieder arbeitsfähig. Die Leber, die ja beim Schafgarben-Leberwickel besonders angeregt wird, ist aus unserer Sicht ein sehr vitalisierendes Organ, das dann stimuliert wird. Bei anderen Patienten machen wir andere Wickel. Es kommt immer auf die persönliche Geschichte und Symptomatik an, für welche von rund 30 Anwendungen wir uns entscheiden.
Und welche Wickel kommen bei einem Schmerzsyndrom infrage?
UG: Das kommt auf die Ursache der Schmerzen an. Bei muskulären Verhärtungen sind Bienenwachswickel hilfreich. Bei einer akuten Entzündung, im Knie etwa, machen wir einen klassischen Quark-Wickel, ergänzt mit Arnika-Urtinktur. Bei einer Lumboischialgie oder einem Bandscheibenvorfall haben sich wärmende Ingwerwickel im Bereich der Lendenwirbelsäule bewährt. Bei Kopfschmerzen nutzen wir häufig die ,Arnika-Kopfhaube‘ oder einen Stirnwickel mit Arnika. Die Patienten schlafen dabei oft ein und erleben eine tiefe Entspannung.
Als Ärzte und Therapeuten stellen Sie die Anwendungen immer individuell zusammen?
Dr. Tobias Daumüller (TD): Wir nehmen die Patienten als individuelle Menschen ernst und behandeln sie auf Augenhöhe. Keiner mag in eine Schublade gesteckt werden wie etwa: ,Alle Beschwerden sind doch nur psychosomatisch.‘ Wir sind natürlich auf fachlicher Ebene die Experten, von daher macht es Sinn, dass wir die therapeutischen Möglichkeiten aufweisen und gemeinsam mit den Patienten abwägen. Wir erklären, was und warum wir etwas machen. Und wir nehmen die Bedürfnisse und Ängste jedes Patienten ernst. All das fließt in die Therapieentscheidung mit ein. Eine Therapie entsteht immer im Dialog mit den Patienten.
Sie arbeiten als multidisziplinäres Team. Wie sieht das aus?
AL: Zunächst werden die Patienten von einem der Ärzte und einer Krankenschwester aufgenommen. Die Diagnostik ist zunächst wie in der klassischen Medizin: Was haben die Patienten für Beschwerden? Was muss untersucht werden? Welche Krankheit liegt zugrunde? Dann werden jedoch auch biografische und soziale Aspekte beleuchtet: Welche Krankheiten hatte dieser Mensch zu welchen Zeiten im Leben? Gab es belastende Ereignisse? Krisen? Gibt es Erklärungen, warum die Krankheit gerade jetzt auftritt? Dann wird geschaut, was der Mensch für einen ,Heilbedarf‘ hat. Was braucht er oder sie für die Genesung? Wo kann der Therapeut am besten ansetzen? Dann wird von den Ärzten im Team eine Therapie erarbeitet. Durch regelmäßige Therapiebesprechungen, bei denen die Erfahrungen und Rückmeldungen aller Therapeuten und der Pflegekräfte mit einfließen, wird die Therapie im Verlauf ergänzt, erweitert und umgestellt.
Wie kommen Patienten zu Ihnen?
TD: Meist werden Patienten direkt zu uns eingewiesen, weil ihr behandelnder Arzt unsere Arbeit kennt oder sie von uns gehört haben. Da wir von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt sind, reicht eine normale Krankenhauseinweisung, sofern die Patienten eine Diagnose haben, die eine stationäre Aufnahme begründet.
Welche Erwartungen haben die Patienten an Sie?
UG: Die Patienten entscheiden sich für uns, weil sie unser Gesamtkonzept möchten: 40 Prozent kommen aus ganz Deutschland, die übrigen aus dem Landkreis Heidenheim. Als Klinik für Integrative Medizin verwenden wir die konventionelle Medizin, die uns mit der ganzen Expertise eines Lehrkrankenhauses der Universität Ulm zur Verfügung steht. Und wir ergänzen das Angebot um Naturheilverfahren, Homöopathie und Anthroposophische Medizin. Dieses ganzheitliche Konzept bezeichnet man als Integrative Medizin. Das eine tun, ohne das andere zu lassen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht den Vorteil einer Integrativen Medizin darin, die passenden Behandlungsoptionen aus den verschiedenen Bereichen zu verbinden und patientenzentriert anzuwenden. Und genau das tun wir.
TD: Die Patienten wünschen sich, dass wir ihnen ergänzend zur konventionellen Therapie mit komplementären Methoden helfen und dass sie Medikamente reduzieren oder absetzen können. Und diesbezüglich erleben die Patienten große Verbesserungen.
Was gehört zu diesen großen Verbesserungen?
UG: Die Patienten berichten oft von einem neuen Gesundheitsgefühl: ,Ah, so bin ich gesund, so fühle ich mich, wenn ich gesünder bin‘. Es überrascht sie außerdem sehr, dass dieses Empfinden nach nur zwei Wochen stationärem Klinikaufenthalt eintritt – und nicht zuvor schon in Monaten der Krankschreibung. Die Zeit allein ist also nicht ausschlaggebend. Oft ändern die Patienten nach einem Aufenthalt bei uns etwas Grundsätzliches in ihrem Leben, da sie gelernt haben, ihre eigene Gesundheit ernster zu nehmen.
Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen damit länger gesund bleiben?
AL: Das ist zumindest auch meine Erfahrung in der Praxis. Wir drei haben ja alle auch neben der Belegklinik unsere eigene Praxis. Schicke ich Patienten von dort in die Klinik, und sie kommen dann zurück, sind sie völlig verändert und gehen anders mit ihrer Gesundheit um.
Machen die Patienten sich zu Hause zum Beispiel dann selbst Wickel, die sie aus der Klinik kennen? Nehmen sie also Gesundheitskompetenz mit?
UG: Etwa die Hälfte setzt das fort. Dazu erhalten sie von uns Ausdrucke aus dem ,Pflege-Vademecum‘ mit einer genauen Anleitung, wie sie die Wickel durchführen sollen und was zu beachten ist. Das funktioniert sehr gut.
Warum verzichtet die konventionelle Medizin auf diese Möglichkeit der Therapie?
UG: Das Wissen, das auch in den klassischen Naturheilverfahren eingesetzt wird, ist zum größten Teil in der konventionellen Medizin verloren gegangen. Das ist insofern verständlich, dass in der Medizin durch den medizinischen Fortschritt eine Vielzahl neuer Medikamente entwickelt wurden, die es früher nicht gab. Deshalb ist es in den Hintergrund getreten. Zudem ist es aufwändiger, allen Patienten auf der Station einen Wickel anzulegen als nur Tabletten zu verabreichen. Dadurch ist diese Art von Medizin für den Moment auch teurer. Auf lange Sicht macht sich dies aber bezahlt, denn diese Medizin setzt auf eine langfristige Heilung und verändert das Gesundheitsbewusstsein der Patienten und ist damit nachhaltiger.
In Ihrem Bundesland, in Baden-Württemberg, wird generell viel für integrative Medizin getan. Gesundheitsminister Manfred Lucha ist Schirmherr des Kompetenznetzes Integrative Medizin (KIM), dem auch Ihre Klinik angehört. Gibt es dennoch etwas, was Sie sich für die Zukunft mit Blick auf die Integrative Medizin noch wünschen würden?
UG: Ich würde mir aufgrund unserer Erfolge wünschen, dass es auf diesem Weg weitergeht, Angebote ausgebaut werden und es immer selbstverständlicher wird, dass konventionelle und komplementäre Medizin im Sinne einer Integrativen Medizin zusammen praktiziert werden. Und dass Integrative Medizin auch in anderen Kliniken und anderen Abteilungen eine Rolle spielt. Das Interesse der Patienten ist auf jeden Fall vorhanden, und Studien belegen die Wirksamkeit in zahlreichen Anwendungsgebieten
„Pflegerische Anwendungen wie Wickel haben bei uns einen sehr hohen Stellenwert: Sie machen 50 Prozent aller Interventionen aus. Sie sind zwar zunächst aufwendiger zu machen, aber auf lange Sicht macht sich dies bezahlt.“
Dr. Ulrich Geyer, leitender Arzt an der Klinik für Integrative Medizin am Klinikum Heidenheim und in eigener Praxis