Prof. Marina Fuhrmann absolvierte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Nach einer fünfjährigen Osteopathieausbildung schloss sie ein anschließendes Studium in den USA an der A.T. Still University of Health Sciences mit dem Master of science in Osteopathic Research ab. 2006 wurde ihr erstmalig ausserhalb der USA der Doctor of Osteopathic Education (DO h.c.) verliehen. Zum Start des Studiengangs Osteopathie wurde sie zu Deutschlands erster Professorin für Osteopathie an die Hochschule Fresenius berufen. Neben verschiedenen nationalen und internationalen Lehrauftragen ist sie seit 1995 ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Osteopathen Deutschland e.V. (VOD). Ebenso gehört sie dem Vorstand der 2023 ins Leben gerufenen Deutschen Osteopathie-Stiftung (DOS) an. In Wiesbaden führt Prof. Fuhrmann eine eigene Praxis für Osteopathie.
Osteopathie verbessert Gesundheitskompetenz der Menschen
Kosteneffizient, bei chronischen Erkrankungen wirkungsvoll, mehr Lebensqualität bei schweren Erkrankungen
Mit manueller Diagnostik und Therapie kann Osteopathie als komplementär eingesetztes, integrativmedizinisches Verfahren gerade gerade auch bei chronischen Erkrankungen lindernd wirken, die Lebensqualität positiv beeinflussen und Patienten generell zu mehr Eigenverantwortung anleiten. Wie das gelingt, warum die Datenbank Ostlib.de dazu beiträgt und der Holzschuh-Preis 2024 das Vermögen der Osteopathie bestätigt, erläutert Prof. Marina Fuhrmann. Die Osteopathin führt eine eigene Praxis in Wiesbaden und ist langjährige Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Osteopathen Deutschland e.V. (VOD).
Frau Prof. Fuhrmann, jahrelang haben Sie darauf gedrängt, den Beruf der Osteopathinnen und Osteopathen gesetzlich zu regeln. Der Koalitionsvertrag der schwarz-roten Regierung sieht nun genau das vor. Warum ist diese berufsrechtliche Regelung der Osteopathie wichtig?
Mehr als 10.000 hochqualifizierte Osteopathinnen und Osteopathen in Deutschland erhielten dadurch endlich eine Anerkennung als eigenständiger Beruf. In 13 europäischen Ländern ist dies längst der Fall, nicht aber in Deutschland. Nach aktueller Rechtslage darf Osteopathie als Heilkunde bei uns nur von Heilpraktikern und Ärzten ausgeübt werden. Auch Bachelor- und Masterabsolventen im Bereich Osteopathie dürfen nach jahrelanger, fundierter medizinischer Ausbildung und Examen derzeit nicht ohne Heilpraktiker-Erlaubnis oder abgeschlossenes Medizinstudium praktizieren. Sie dürften sich dann trotzdem auch nur als Heilpraktiker bezeichnen, nicht aber als Osteopath, da es diesen Beruf rechtlich nicht gibt. Das alles soll sich nun endlich ändern. Unsere Arbeit wird sich in den nächsten vier Jahren darum drehen, gemeinsam mit der Politik diese Regelung in die Tat umzusetzen.
Inwiefern würden Patienten von einer berufsrechtlichen Regelung profitieren?
Sie könnten sicher sein, sich in kompetente Hände zu begeben, denn der Patienten- und Verbraucherschutz wäre gewährleistet. Laut einer aktuellen Forsa-Studie von 2024 nahmen im Schnitt schon knapp 19 Millionen Bundesbürger für sich oder ihre Kinder eine osteopathische Behandlung in Anspruch. Das sind rund 4,5 Millionen mehr als noch 2021 – und die Tendenz steigt weiter. Hinsichtlich der Qualität müssen sie sich auf freiwillige Verbandsmitgliedschaften verlassen wie etwa im Verband der Osteopathen Deutschland e.V. (VOD). Wir nehmen nur auf, wer eine vollumfängliche vier- bis fünfjährige Ausbildung oder ein entsprechendes Studium abgeschlossen hat und sich regelmäßig fortbildet.
Wie umfangreich sind Osteopathie-Ausbildungen in Deutschland?
Ein Vollzeitstudium an einer privaten Osteopathieschule oder Hochschule dauert vier bis fünf Jahre und umfasst mehr als 5.000 Unterrichtseinheiten. Berufsbegleitend gibt es u.a. Masterstudiengänge. Die große Nachfrage nach Osteopathie hat jedoch dazu geführt, dass immer mehr ,Schmalspur-Anbieter‘ mit ,Kursen‘ auf den bislang nicht ausreichend regulierten Ausbildungsmarkt für angehende Osteopathen drängen. Sie bieten Kurzzeit-Ausbildungen an, die in keinster Weise unserem Qualitätsanspruch gerecht werden.
Integrative Medizin verbindet konventionelle und komplementäre Medizin. An welcher Stelle bereichert Osteopathie diese Kombination?
Die Osteopathie stellt, ebenso wie andere komplementär, bzw. integrativmedizinische Ansätze, den Patienten in den Mittelpunkt. Sie orientiert sich an dessen individuellen Ressourcen und aktiviert die Selbstheilungskräfte. Ihre Stärken hat sie vor allem auch in der Behandlung chronischer Erkrankungen, bei denen die konventionelle Medizin oft an ihre Grenzen stößt. Das ist auch im Rahmen von Prävention (Primärprävention: Krankheitsvermeidung / Sekundärprävention: Behandlung einer Erkrankung im Frühstadium / Tertiärprävention: Therapie einer chronischen Erkrankung durch Maßnahmen wie Patientenschulungen) der Fall. Zudem kann Osteopathie bei schweren Erkrankungen zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.
Wie kann Osteopathie die Lebensqualität von schwer kranken Menschen verbessern?
Chronische Schmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen, die häufig mit schweren Erkrankungen wie Krebs, Rheuma oder Long Covid einhergehen, können durch Osteopathie gelindert werden. Ebenso Muskel-Skelett-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Spannungen in Gewebe wie Muskeln und Faszien etwa im Magen-Darm-Trakt. Gezielt können die Durchblutung, der Lymphfluss oder die Beweglichkeit der Organe verbessert werden. Das stärkt die Selbstregulation und kann unter anderem die Verdauung, die Atmung oder das Immunsystem positiv beeinflussen – alles Faktoren, die das Wohlbefinden erhöhen. Osteopathische Behandlungen können zudem positiv auf das vegetative Nervensystem Einfluss nehmen. Dies kann Patienten helfen, besser zu schlafen, innere Anspannung zu lösen und emotionale Belastungen besser zu verarbeiten. Viele Patienten empfinden die osteopathische Behandlung auch deshalb als wohltuend, weil sie nicht auf ein Symptom reduziert werden, sondern als ganzer Mensch gesehen werden. Das Verhältnis zum Körper kann sich verbessern, was besonders bei langwierigen oder belastenden Diagnosen stärkend wirkt.
Bessert Osteopathie auch die Gesundheitskompetenz der Patienten?
Auf jeden Fall. Osteopathie geht über die reine Behandlung hinaus: Sie fördert das Verständnis für den eigenen Körper, sensibilisiert für gesundheitliche Zusammenhänge und motiviert zur aktiven Mitgestaltung der eigenen Gesunderhaltung. Osteopathen nehmen sich Zeit, die Ursachen von Beschwerden zu erklären – etwa Zusammenhänge zwischen Haltung, inneren Organen und Schmerzen. Patienten lernen, Körpersignale zu erkennen und besser einzuordnen. Das schafft ein Körperbewusstsein, das oft über Jahre erhalten bleibt. Osteopathen geben zudem gezielte Hinweise, was Patienten selbst tun können, um gesund zu werden, zum Beispiel vermitteln sie Atemtechniken, Haltungsübungen oder kleine Verhaltensänderungen. Dadurch werden Patienten zu aktiven Mitgestaltern ihres Genesungsprozesses.
Wie nachhaltig wirkt Osteopathie?
Osteopathie sucht nach den Ursachen für vorhandene Beschwerden. Sie spürt funktionelle Störungen im Körper wie Bewegungseinschränkungen oder Spannungen im Gewebe auf und hilft dabei, die Selbstregulierungskräfte zu aktivieren. So kann Osteopathie eine nachhaltige Wirkung entfalten, indem sich der Körper dauerhaft besser reguliert – besonders, wenn sie frühzeitig, individuell und ganzheitlich eingesetzt wird. Die Nachhaltigkeit steigt mit aktiver Mitwirkung der Patienten und einer guten Einbettung in ein ganzheitliches Gesundheitskonzept. Studien haben wiederholt belegt, dass Patienten damit mittel- und langfristig geholfen wird.
Osteopathie ist also kosteneffizient, weil die Patienten länger gesünder bleiben?
So ist es. Wer Osteopathie in Anspruch nimmt, geht seltener zum Arzt. Von 2012 bis 2015 hat die BKK Advita als erste gesetzliche Krankenkasse ausgewertet, wie hoch die Ausgaben für jedes Mitglied vor und nach einer osteopathischen Behandlung waren. Gab es in den sechs Monaten davor Ausgaben von 875 Euro pro Versichertem, beliefen sich die Zahlungen nach der Behandlung auf 703 Euro – und in diesem Betrag waren die Kosten für die Osteopathie schon eingerechnet. Die Krankenkasse kam zu dem Schluss, dass sie bei jedem Versicherten, dem sie die Osteopathie bezahlte, 20 Prozent an Leistungen eingespart hat, trotz geleisteter Erstattungen. Gleichwohl ist Osteopathie eine Selbstzahler-Leistung. Krankenkassen erstatten nur auf freiwilliger Basis osteopathische Leistungen ganz oder nur teilweise. Dabei helfen Osteopathen nicht nur unmittelbar den Patienten und entlasten die Krankenkassen, sie entlasten auch Haus- und Facharztpraxen.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht im Gesundheitssystem ändern?
In der Gesundheitspolitik muss ein Paradigmenwechsel stattfinden. Um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, sind alle Akteure gefordert, bestmöglich zusammenzuarbeiten. Die Gesundheitsversorgung von morgen muss interdisziplinär, effizient und patientenzentriert sein, um Antworten auf Finanzierbarkeit und Versorgungssicherheit bei gleichzeitig steigenden Kosten und Fachkräftemangel zu geben. Die Eigenständigkeit der Patienten sollte gefördert werden; der Großteil der Osteopathiepatienten legt erfahrungsgemäß Wert auf Prävention und Eigenverantwortung. Mit Blick darauf ist es geradezu notwendig die vielen qualifizierten Osteopathie- Therapeuten, die mehr als zehn Millionen Behandlungen im Jahr übernehmen, bestmöglich in die Gesundheitsversorgung einzubinden. Werden Qualifikation und Ausübung der Osteopathie endlich gesetzlich geregelt, dient dies insbesondere auch einem besseren Patienten- und Verbraucherschutz. Das Zukunftsmodell in der Gesundheitsversorgung muss lauten: Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention vor Reha, vor Rente, vor Pflege!
Wissenschaftler des IGel-Monitors sagten vor einigen Jahren, Osteopathie habe in Studien ,keinen überzeugenden Nutzen‘ gezeigt. Es ging dabei um unspezifische Kreuzschmerzen. Genau in diesem Kontext gab es 2024 den renommierten Holzschuh-Preis der Hufeland-Gesellschaft für eine große Osteopathiestudie, die das Gegenteil belegt. Wie passt beides zusammen?
Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Seit 20 Jahren liegen zunehmend Studien vor, die zeigen, dass Osteopathie gerade auch bei unspezifischen Rückenschmerzen, inzwischen ein Volksleiden, gute Erfolge hat. Die aktuelle Studie hat das eindrucksvoll bestätigt. Studien zu anderen Krankheitssymptomen liegen ebenfalls vor.
Ihr Verbandsmitglied Helge Frank hat 2022 die Studiendatenbank Ostlib.de ins Leben gerufen. Wie umfangreich ist sie und wer kann sie nutzen?
Ostlib.de wächst und gedeiht. Inzwischen listet die Datenbank alle seit 1991 veröffentlichten rund 5.000 Studien und etwa 4.000 Fachartikel zur Osteopathie. Zu den Studien gehören auch etwa 1.000 Abschlussarbeiten neu ausgebildeter Osteopathen aus der ganzen Welt. Das Angebot richtet sich ausdrücklich nicht nur an Fachleute, sondern auch an Laien und etwa Journalisten. Etwas mehr als die Hälfte der Artikel und Studien stehen frei zum Download zur Verfügung. Inzwischen nutzen auch Absolventen von Osteopathieausbildungen die hier versammelten Forschungsergebnisse ganz selbstverständlich für ihre Arbeiten.
Ihr Verband und die Deutsche Osteopathie-Stiftung DOS haben die Gründung von Ostlib.de unterstützt. Die Stiftung fördert zudem Forschungsvorhaben. Was ist das Ziel?
Damit Patienten immer besser versorgt werden, möchte die Stiftung dazu beitragen, die Osteopathie wissenschaftlich weiterzuentwickeln. Bislang erhalten Studien zu diesem Fachgebiet keine staatliche Förderung, weil der Beruf nicht anerkannt ist. Zum 150. Geburtstags der Osteopathie, die Andrew Taylor Still 1874 in Virginia begründete, hat die Stiftung deshalb im vergangenen Jahr insgesamt 150.000 Euro für bis zu drei wissenschaftlich initiierte Forschungsprojekte zur Verfügung gestellt. Zum Teil sind sie schon gestartet, die Ergebnisse werden in rund drei Jahren vorliegen. Die DOS hat zudem in diesem Jahr zum zweiten Mal den Nachwuchswissenschaftspreis an junge Osteopathinnen und Osteopathen verliehen. Sie haben u.a. gezeigt, dass Osteopathie bei Fibromyalgie (Weichteil-Rheumatismus) und chronischen Nackenschmerzen, verbunden mit Depressionen, kurz- bis mittelfristig Schmerzen lindern kann. Auch die subjektive Belastung und Lautheit von TInnitus kann sich günstig verändern. Für ihr Engagement ist die Stiftung auf Spenden angewiesen.
„Eine Krankenkasse kam zu dem Schluss, dass sie bei jedem Versicherten, dem sie Osteopathie bezahlte, 20 Prozent an Leistungen eingespart hat, trotz geleisteter Erstattungen.“
Prof. Marina Fuhrmann, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Osteopathen Deutschland e.V. (VOD) mit eigener Praxis in Wiesbaden
Vita Prof. Marina Fuhrmann